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Citizen As You Please

Artist: Citizen
Album: As You Please
Erscheinungstermin: 06. Oktober 2017
Label: Run For Cover
Gesamtlänge: -
Link zur Band: https://www.facebook.com/Citizentheband/

PreOrders: z. B. über Run For Cover UK

Tracklist:

01. Jet
02. In the Middle Of It All
03. As You Please
04. Medicine
05. Ugly Luck
06. World
07. Fever Days
08. Control
09. Discrete Routine
10. I Forgive No One
11. You Are a Star
12. Flowerchild

Laut Presseinfo beschreibt "As You Please", das neue Album von Citizen, die Ursprünge der Unzufriedenheit, die den US-amerikanischen Rostgürtel - und ganz besonders seine Heimatstadt Toledo, Ohio - schon seit vielen Jahren heimsucht. Da ich wenig Berührungspunkte mit den gesellschaftlichen Zuständen in den USA vorweisen kann, lasse ich das vorliegende Werk ungeachtet dieses Kontexts frei und unabhängig wirken und dokumentiere das Erlebnis - und dieses Album ist eines - in eigenen Worten.

Randnotiz:
Die Band ist im Oktober auf Minitour in Deutschland:

07.10. 2017 Köln | Tsunami Club (ausverkauft)
08.10.2017 Berlin | Cassiopeia

Mit "Jet", der ersten Single des Albums geht es also in die Tiefen der Seele bzw. Erfahrungen von Sänger Mat Kerekes. Ein leicht britischer Indierock-Gitarrenklang, ein hektischer Bass im Wechsel mit verspielten Drums, die Stimme von Sänger Kerekes, die mal lakonisch, mal nachdrücklich eine Geschichte von Unsicherheit, Verzweiflung und Schuld erzählt, gipfelnd in einem phantastischen Refrain...ein großartiger Einstieg.

"If I'm in vain then you, you must be too
Are we on our way back down?
Into delusion we will go to stare at a glimpse of hope
Make me more assured, to clean my wounds"

Der C-Teil erinnert gar durch seinen leichten Shoegaze-Charakter an die letzte Hundredth-Platte. Die Band hat übrigens auch eine Live-Version im Studio 4 aufgenommen und als Video veröffentlicht, das ihr hier findet.

"In The Middle Of It All" überrascht mit einem beinahe Queen-esquen mehrstimmigen Vocal-Intro, dem ein fast trockenes "I saw you were there!" aus dem Off entgegengestellt wird. Und dann folgt dieser flächige Refrain, der auch von Rivers Cuomo hätte geschrieben sein können. Simulierte Abtastfehler des CD-Player-Lasers, die den Hörer hektisch nach der Ursache zu suchen nötigen beenden die Harmonie - verstörend.

Der Titeltrack "As You Please" scheint ungefährlich, unauffällig und lethargisch, bis die Fuzzgitarren und ein hohes Zirpen den Hörer aber eines Besseren belehren. "Medicine" klingt wie der tongewordene Blick auf die leere Dose Prozac auf dem Nachttisch. Notleiden, Fluchtgesuche, Panik - nicht im Sinne einer unkontrollierten Eskalation, sondern eher einer emotionalen Ausweglosigkeit. "Ugly Luck" zieht das Tempo dann ein wenig an und hilft dem Hörer von den Knien hoch zurück in den Stand - um zu tanzen und mit Optimismus gen Horizont zu blicken. Eine Grundbetroffenheit bleibt, aber eine positive Gleichgültigkeit drängt sie immer wieder in ihre Ecke zurück.

Zu Beginn von "World" klingt Kerekes' Stimme, als befände er sich mit dem Hörer in einem spärlich möblierten Raum, zu ihm sprechend in einem privaten Dialog. Dem Kern seiner Aussage verleiht er schroff Ausdruck im fordernden Refrain, in dem eine Flanger-artige Backgroundstimme den zweiten Melodiepart übernimmt.
"Fever Days" konzentriert sich vorerst auf eine akustische Gitarrenlinie und die einfache verzerrte Basslinie, die zusammen mit den Drums den Einstieg in etwas Großes bereitet. Citizen verstehen es wahrhaftig, Spannung aufzubauen, mit Dynamik zu spielen und selten gute Refrains wie aus dem siebten Überraschungsei zu zaubern.

"Control" erinnert ein wenig an The Appleseed Cast, melancholische Abgeschlagenheit, zerbrochene und mühsam zusammengeklebte Hoffnung. "Discrete Routine" ist schleppend, beginnt wie eine abendliche Sommerbrise, die in ein vorherbstliches Unwetter umschlägt. "I Forgive No One" wird mit modulierter Stimme eröffnet, ein knarziger Bass, ein Double-Time Refrain mit Noise-lastigem Chorus. "You Are A Star"startet geheimnisvoll mit perkussivem Intro, das in den klaren Refrain überleitet, der im Laufes Stückes noch wächst und sich mit dramaturgisch starken Klang-Elementen angereichert vor dem Hörer aufrichtet, bis er selbst zum Outro wird.

"Flowerchild", die längste Nummer der Platte, beginnt akustisch und unschuldig. Der letzte Sommertag barfuß im Gras, die Halme zwischen den Zehen, ein Ausbruch an Emotionen, impulsiv und energetisch. Auch Kerekes' Stimme kratzt ungewohnt und überraschend, überschlägt sich beinahe. Eine verhaltenes Klavier steht der Akustikgitarre zur Verabschiedung zur Seite. Bis bald, Citizen. Hoffentlich bis ganz bald.

Fazit:
Mit "As You Please" liefern Citizen DEN Soundtrack für die Post-Sommerdepression. Fragil, emotional und melancholisch weckt dieses Album Erinnerungen an Momente, die vielleicht niemals stattgefunden haben. Es inspiriert und zeichnet Geschichten. Dieses Album transportiert akustisch nicht nur durch eine große Vielzahl an Sounds und Instrumenten ein ganzes Bilderbuch, das der Hörer erstmal (be)greifen lernen muss. Große Harmonien öffnen Türen und erleichtern den Zugang. Die Vielfalt der Songs, die emotionale Varianz, die immer wieder von einer subtilen Tristesse begleitet wird verleihen "As You Please" einen umfangreichen Charakter, der lange begeistern können wird.
Wem das neue Turnover-Album zu fröhlich war, aber nicht auf den Mix aus Emo, Indie und Alternative verzichten mag, der wird mit dem neuen Werk von Citizen sein dunkles Gegenstück finden.

Anspieltipps: Alles