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Artist: Rolo Tomassi
Album: Time Will Die And Love Will Bury It
Erscheinungstermin: 02. März 2018
Label: Holy Roar Records
Gesamtlänge: 53:00 Min.
Link zur Band: http://www.rolotomassiband.com/

Tracklist:

01. Towards Dawn
02. Aftermath
03. Rituals
04. The Hollow Hour
05. Balancing The Dark
06. Alma Mater
07. A Flood Of Light
08. Whispers Among Us
09. Contretemps
10. Risen

"Time Will Die And Love Will Bury It" - Ein Albumtitel wie ein Gedicht. Und hierbei handelt es sich weder um einen Zufall noch eine Eigenschöpfung. Die Jazz/Math Core-Band mit Black und Post Metal-Affinität aus dem britischen Sheffield sah sich inspiriert durch einen Druck eines Freundes, dessen künstlerische Grundlage ein Zitat des Underground-Schriftstellers Richard Brautigan darstellt. Am 02. März erscheint also das 5. Studioalbum von Rolo Tomassi allgemein und das 2. auf Holy Roar Records. Was erwartet eure Ohren? 

Eine Traumsequenz. Das ist der erste Eindruck, den der Hörer bekommen kann, wenn "Time Will Die And Love Will Bury It" mit dem Opener "Towards Dawn" startet. Beinahe liebliche Synthesizer-Klänge und gesampelte Chöre leiten über 03:44 Minuten über in "Aftermath", der extrem melodiös und unschuldig, gar optimistisch anmutet. Die Melodiebögen von Sängerin/Shouterin Eva Spence fügen sich perfekt in die reduziert instrumentierte, rhythmisch auffällige Strophe, während sich die Gesamtheit aller Beteiligten im atmosphärischen, flächigen Refrain ins höchst Epische steigert.

Doch die Friedlichkeit ist trügerisch. "Rituals" holt den Hörer zurück in die Realität. Black Metal-Blastbeats, verzerrte Shouts und Growls, knarrzende Synthies, bei Rolo Tomassi stehen plötzlich alle Zeichen auf Angriff.

Am Boden liegend besänftigt das Intro zum anschließenden "The Hollow Hour" den Hörer ein wenig, untermalt von Vintage Hammond Orgel-Klängen...bis der Song ausholt und nachtritt. Aggressive Stakkato-Arbeit der Instrumente, harsche Vocals, keine Verschnaufpause. Und dann überrascht die Band mit einem melodiösen Part, in dem die cleane Stimme von Eva Spence kurzzeitig fein wehklagt. Schwenk zum Klavier lastigen Zwischenpart, der aber wieder die Ruhe vor dem Sturm verkörpert. Im Mix wurde Eva Spence der Charakter verliehen, als stünde sie im dialogischen aggressiven Disput mit sich selbst oder einer höheren Macht. Das epische Outro des Songs voller Wehmut, Schwermut und Zerrissenheit lässt es einem kalt den Rücken runterlaufen.

"Balancing The Dark" beginnt jazzig und behält seine rhythmische Komplexität auch nach dem ruhigen Intropart bei. Tom Pitts an den Drums weiß, was er tut und die Saiteninstrumente fügen sich ihm und seinen Akzentuierungen. Ein Donnergrollen gleicher Part kümmert sich zwischenzeitlich um die Magengrube des Hörers, bevor ein Orgel untermauerter Part einen der experimentellsten Songs der Platte beschließt.

"Alma Mater" macht ab Sekunde 1 keinen Hehl um seinen aggressiven Charakter. Rhythmisch vertrackt, versiert instrumentiert zieht der Song das Tempo an. Bis die Band auch ihm ein harmonisches Fremdwort für Pause gönnt.
"A Flood Of Light" erinnert mich nicht nur vom Titel an "Absence Of Light" der britischen Devil Sold His Soul. Brachiale Klangwände gepaart mit einsilbigen Shouts, ergänzt um zarte Melodielinien und Streicherarrangements, die in einem 80s beeinflussten Synthie-Part samt maximal verzerrtem Bass von Nathan Fairweather aufgehen...Flut trifft es ganz gut. Hier brechen über 08:20 Minuten wahrlich Klangwelten über den Hörer herein. Die Stimme von Eva Spence ist im Finale ein wahrer Gänsehaut-Garant. Einer der besten Songs der Platte.

Mit "Whispers Among Us" geht es wieder zurück in die Dunkelheit. Tiefe Growls, aggressives Picking der Gitarren, schwermütige, träge Riffs ziehen den Hörer in einen dunklen Strudel. Mit einem Moment der Befreiung, der an Kraft zunimmt beendet die Band diesen Teil des Albums. "Contretemps" besinnt sich auf die Friedlichkeit des Openers zurück, eine simple Klavierlinie, melancholisch, einsam. Zum zweiten Drittel des 08:16 Minuten langen Songs fährt Gitarrist Chris Cayford schwere Fuzz-Geschütze auf und schiebt mit einem kratzenden Teppich beiseite, was sich nicht wehren kann. Die Länge des Songs lässt vermuten, daß hier etwas Großes aufgebaut werden soll. Und so kommt es. Atmosphäre, Epik, Keyboarder James Spence untermalt dies' alles mit unschuldigen Synthie- und Orgel-Klängen, während ein scheinbar Tonart fremder Akkord im post-rockigen Klimax die Harmonie durchbricht und das mitleidende Herz aufschreckt. Ein beinahe sakraler Melodiegesang trägt den vorletzten Song, reduziert instrumentiert final zu Grabe.

Mit dem ruhigen "Risen" führen Rolo Tomassi die sakrale Art des Gesangs fort. Ein wenig erinnert mich die Melancholie der Gesamtkomposition gar an Melanie Wills' Stimme bei "Short Stories With Tragic Endings" von From Autumn To Ashes, wobei jene aber instrumental von den japanischen Mono begleitet würde. Nach 53:00 Min. ist es an der Zeit, daß jene sich zur ewigen Ruhe bettet und einen Abschied in Liebe erlebt. All die Erlebnisse, die Emotionen, die Stürme und Kämpfe finden einen harmonischen Schluss in Geborgenheit.

Vorbestellen könnt ihr das Album hier. Wem der Plattenspieler in der Bahn zu affig ist und wer keinen Bock auf Spotify & Co. hat, der wird das Album vmtl. auch am Releasetag hier bei Bandcamp finden. Die neue Platte stellt die Band ebenfalls auf Tour vor, darunter folgende Termine in oder von Deutschland aus erreichbar:

30.03.18 - Berlin - Musik & Frieden
31.03.18 - Hamburg - Headcrash
01.04.18 - Haarlem - Patronaat (NL)

Fazit:

Zugegeben hatte ich bis zu dieser Platte meine Probleme, den Zugang zur Band zu finden. Ein einziger kompletter Durchlauf der Scheibe hat aber ausgereicht, mich vollends zu begeistern. Die Kombination der fragilen Melodiestimme von Sängerin Eva Spence, der sie die verzerrten, teilweise gutturalen Screams und Shouts gegenüberstellt könnte kaum konträrer sein. Technische Finesse, ohne zu prahlen, ein Gespür für abwechslungsreiches Songwriting und den Sinn für die richtigen Momente, die ein guter Song benötigt, Rolo Tomassi schaffen es, mit einem homogenen Stilmix (so widersprüchlich es auch klingen mag) ein grandioses und rundes Album abzuliefern. "Time Will Die And Love Will Bury It" ist beileibe nichts für den Sonntagsspaziergang - außer man wandert vielleicht durch Ruinen vergangener Königreiche - und auch nichts für den Kochabend mit Freunden. Das Album ist etwas Intimes, etwas, das man alleine laut hören muss - von der ersten bis zur letzte Sekunde. Und danach ruft man seine/n besten Freund/in an und bedankt sich, sie/ihn zu haben. 

Anspieltipps:

Aftermath, A Flood Of Light, Contretemps

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Artist: Tiny Moving Parts
Album: Swell
Erscheinungstermin: 26. Januar 2018
Label: Big Scary Monsters
Gesamtlänge: 31:58 Min.
Link zur Band: https://www.facebook.com/tinymovingparts/

Tracklist:

01. Applause
02. Smooth It Out
03. Feel Alive
04. Caution
05. Wildfire
06. Whale Watching
07. It's Too Cold Tonight
08. Malfunction
09. Wishbone
10. Warm Hand Splash

Im Winter 2017 sollten Tiny Moving Parts ursprünglich auf deutschen Bühnen als Support von Knuckle Puck zusammen mit Movements das hiesige Publikum begeistern, vermutlich auch bereits mit Songs des kommenden Albums "Swell", das am 26. Januar via Big Scary Monsters in Deutschland erscheint. Aber es kam anders und aus Respekt gegenüber der Entscheidung des Headliners soll die Absage der Tour hier nicht weiter thematisiert werden.

Damit es bis zum Release der Platte aber nicht gänzlich still um das Trio aus Minnesota bleibt, hat die Band Ende November die Single "Caution" veröffentlicht und erst kürzlich den Opener “Applause” nachgelegt. Zehn Tracks umfasst das vierte Album (unter Regie eines Labels) der Band, daß trotz der Minimalbesetzung einen unglaublich dichten und detaillierten Sound aufweist. Als großer DARTZ!-Fan (R.I.P.) trifft die Mischung aus Emo, poppigem Post-HC, Indie und Mathrock bei mir voll ins Schwarze.

Tiny Moving Parts ist eine Familienangelegenheit. Denn hinter dem Namen verbergen sich Dylan Mattheisen und seine beiden Cousins Matthew (Bass und Background-Gesang) und Billy Chavalier (Drums), die sich in der Junior High School als Band zusammengefunden haben. Nur ein gutes Jahr nach ihrem letzten Album "Celebrate", das erstmals auf Big Scary Monsters hierzulande erschien schicken die Drei also nun Ende Januar 2018 mit “Swell” die nächste Scheibe ins Rennen.

Los geht's mit "Applause", einem Song, der schon in den ersten Sekunden den Druck und die Energie der Platte widerspiegelt. Mattheisens Gitarrenarbeit ist sowohl verspielt wie auch straight, eben so, wie es für den Song im jeweiligen Moment am Besten passt. Die Melancholie und Wehmut, die schon auf "Celebrate" vorherrschten finden sich - und das merkt man bereits nach den ersten Takten - auch auf "Swell" wieder, verpackt in feine Melodien und persönliche Texte.

"Smooth It Out" beschreibt die Niedergeschlagenheit, die guten Ratschläge anderer und den Versuch, nicht zu stagnieren, sondern seinen Weg zu finden. Musikalisch setzt die Band hier neben der klassischen Besetzung zudem Synthie-Klänge ein, die den Song melodiös unterstützen. "Feel Alive" ist eine vertracktere Nummer, die mit allerlei instrumentenübergreifenden Breaks aufwartet, aber dennoch nicht ihre Lebhaftigkeit und ihren Drive verliert. Song Nummer 3 ist auch der erste jener, bei denen eine weitere Stimme die Musik mitformt. "I still miss you" singt jene Sängerin, die auch bereits auf “Celebrate” partizipierte zart und zerbrechlich, während Mattheisen seinen Gefühlen freien Lauf lässt und energisch wiederholt, was sie vorgibt. Trotz ausgiebiger Recherche konnte ich leider nicht herausfinden, um wen es sich bei der weiblichen Gaststimme handelt.

Die Single "Caution" führt weiter, was mit "Feel Alive" begann. "You are caffeine in my blood stream", singen Mattheisen und die weibliche Stimme bekenntnisvoll im Duett - ein Treueschwur.

"Wildfire" macht eine Kehrtwendung. Aus Vertrautheit und Zweisamkeit wird ein Trennungsstrich. Mit einer verspielten Gitarrenlinie (vor der das Album nur so strotzt) und hektischen Drums lässt Mattheisen eine Beziehung Revue passieren, unterbrochen von einem wehmütigen und zurückhaltenden Zwischenteil, alles final in einem endgültigen "I think you wish I'd pass in a crash" mündend. "Whale Watching", ein etwas seltsam anmutender Titel. Inhaltlich kämpft der Song mit dem Gefühl der Unzulänglichkeit, nicht zu reichen, melancholisch erneut durch Synthies untermalt. "I am the pont. You wanted an ocean." Spätestens jetzt zur Mitte der Platte ist man als Hörer im Strudel der Emotionen der Band vollends gefangen.

"It's Too Cold Tonight" ist die wohl deutlichste Bekundung der Zerrissenheit Mattheisens. Zeilen wie “I am meaningless, I serve no purpose” und der Ruf nach Hilfe, nach Halt werden ausnahmsweise nicht in bunten Wortspielen verpackt präsentiert, sondern dem Hörer eiskalt auf dem silbernen Tablett serviert. Und auch die fragile Stimme der unbekannten Sängerin findet erneut ihren Platz im 02:51 Minuten kurzen Song. Das anschließende “Malfunction” zieht das Tempo wieder an, jedoch das zerstörte Selbstbewusstsein, ver- und alleingelassen zu werden bleiben, wenngleich mit einer Mischung aus Frust, Bedauern und Unverständnis, verpackt in sowohl ruhigen Parts wie auch energiegeladenen Momente, die wie heiße Quellen zu explodieren drohen.

Mit "Wishbone" schlägt die Band epischere Töne an und setzt sogar gesanglich auf chorale Elemente, latent unterstützt durch einfache Klavierklänge. Die verspielte Gitarrenlinie der Strophe ist wieder einmal ein gutes Beispiel der Detailverliebtheit der Band, die sich nur mit einfach angeschlagenen Akkorden nicht zufrieden gibt, sondern gerne die extra Meile geht.

"Warm Hand Splash", die letzte Nummer auf “Swell” ist mit drei Minuten und 53 Sekunden dann auch wirklich der längste Song der Platte. Und wenn ich nach soviel aufwühlenden Momenten die gesamte Platte über noch richtig mitgezählt habe, wiederholt sich im Schlusssong kein einziger Teil. Erneut chorale Parts, eine herzzerreißende - nennen wir es - Refrainmelodie mit einfachen, zurückhaltenden Streichern, das Outro charakterisiert durch eine simple, aber effektive Trompetenmelodie...Tiny Moving Parts legen noch einmal alles, was sie haben in die Waagschale und mit soviel Last auf dem Herzen und soviel Spielfreude in den Fingern ist das einiges. “Could you please keep the light on for me?” Aber sicher doch. Wir möchten ja, daß ihr den Weg auf europäische Bühnen zurückfindet.

Fazit:

Mit “Swell” hat das Trio aus Minnesota ein cleveres, detailverliebtes kleines Meisterwerk geschaffen, denn nicht viele schaffen es, eingängige Melodien, einen organischen und authentischen Sound und crunchy Indie-/Emo-Kompositionen mit anspruchsvollen Mathrock-Elementen zu verknüpfen, ohne dabei konstruiert, klinisch oder seelenlos zu klingen.  Tiny Moving Parts setzen nicht auf die hundertprozentige Perfektion oder schieben Akzente einzelner Instrumente haarklein am Rechner übereinander, sondern lassen ihrer Musik den Charakter, das Leben, die Passion. Hat man der Band oft den Klamauk des Pop-Punks nachgesagt und sie mit Blink-182 verglichen, so mag hier maximal die Spielfreude ähnlich sein, aber die Versiertheit und Ernsthaftigkeit unterscheiden sich um Welten. Mattheisen ist ein Meister darin, Bilder mit Worten zu malen, Analogien zu entwickeln und damit offen zu kommunizieren, was ihm auf dem Herzen lastet. “Swell” braucht vielleicht für den ein oder anderen ein paar Durchgänge, bis sich seine Gesamtheit greifen lässt, aber dann wird man das Album auch nicht mehr los - und man will es auch nicht mehr hergeben. Schon jetzt eine der besten Platten 2018.

Anspieltipps:

Feel Alive, Caution, It's Too Cold Tonight

Kaufen könnt ihr die Platte direkt bei der Band oder beim Label.

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Seaway Vacation

Artist: Seaway
Album: Vacation
Erscheinungstermin: 15. September 2017
Label: Pure Noise Records
Gesamtlänge: 38:52 Min.
Link zur Band: https://www.facebook.com/seawayband/

Tracklist:

1. Apartment
2. Neurotic
3. London
4. Lula On The Beach
5. Something Wonderful
6. Curse Me Out
7. Day Player
8. Misery In You
9. Scatter My Ashes Along the Coast, or Don’t (Featuring Caleb Shomo of Beartooth)
10. Car Seat Magazine
11. 40 Over
12. When I Hang Up

“The new music still sounds like Seaway. It’s got that party vibe, and it’s fun, but some of the songs are more mid-tempo. There are some more rock aspects influenced by bands we love like Weezer and Third Eye Blind. I felt like was just a matter of time before those influences came out. It’s pop punk at the end of the day."

Mit diesen Worten beschreibt Lead-Gitarrist Andrew Eichinger die Entwicklung des aktuellen Albums "Vacation" seiner Band Seaway aus dem kanadischen Ontario. Nach "Hoser" (2013) und "Colour Blind" (2015) hat das Quintett seit Mitte September als Album Nummer 3 auf dem Markt. An der (Pre)Produktion waren sage und schreibe vier Meister ihres Faches beteiligt, namentlich Derek Hoffman in Kanada, Alan Day (Four Year Strong) in Massachusetts und Mike Green (All Time Low, Sum 41, Pierce The Veil) in Los Angeles sowie Kyle Black (Senses Fail, Five Seconds of Summer). Eigentlich eine gute Basis, um ein Hit-Album zu schreiben. Oder vielleicht doch zuviele Köche?

Wie schreibt man ein Review über ein Pop-Punk-Album?
Gute Laune, Mitsing-Refrains, Tanzbarkeit, Twentysomething-Melancholie, sommerliche Unbeschwertheit...das sind die essentiellen Zutaten, die so mancher Platte des Genres zum Erfolg verholfen haben.

Seaway weisen auf einige der Zutaten zumindest schonmal plakativ mit ihrem Urlaubskoffer-Cover hin. Und mit dem Titel der neuen Scheibe "Vacation" ist die Sache dann auch glasklar. Hier werden diverse bekannte Städte der Welt besungen.
Los geht's mit "Appartment", einer feinen Ausrast-Nummer, die den ewigen Urlaub heraufbeschwört.

"Neurotic", in dem Amsterdam Erwähnung findet erinnert mit seinem College Punk-Flair an alte Nine Days- und Wheatus-Zeiten. Der Gangshout-Refrain ruft dem Hörer direkt das Bild der feierwütigen Partymeute am Pool der kalifornischen Vorstadtvilla vor Augen. Und wer schon das zehnte Bier drin hat, der kann immer noch "Nanana" mitsingen. "London" handelt von den Umzugsplänen der Protagonistin nach London, denen Sänger Ryan Locke aber aufgrund leerer Taschen nicht folgen kann. Vielleicht reicht auch ein Besuch vorerst aus, um die Stadt zu erleben.

"Lula On The Beach" klingt etwas kaugummizäh und Bubblegum-Punk-esque, wie es sein Titel vermuten lässt. Ein paar Weezer-Elemente hier und da, eine simple Melodie...Schlummerparty-Soundtrack.

"Something Wonderful" zieht dann wieder an und animiert zum Mitklatschen in der Strophe. Und auch eine Akustikgitarre bringt das gewisse Urlaubsfeeling in den C-Teil des Songs. An irgendeinen Song (vielleicht von einem American Pie-Soundtrack?) erinnert mich die Melodie im Refrain...

"Curse Me Out" setzt auf Melancholie und unschuldige Besessenheit. "Day Player" ist wieder ein beschwingter College Punkrock-Song ohne Ecken und Kanten. "Misery In You" lässt erstmal vermuten, daß hier der Spaß vorbei ist. Und in der Tat wird es emotionaler und tiefgründiger, thematisiert der Song doch die Depressionen der/des Protagonistin/Protagonisten. "Scatter My Ashes Along The Coast Or Don't" wartet mit dem klassischen Third Eye Blind-Feeling auf, hat sogar ein wenig was von Alkaline Trios Matt Skiba. "Car Seat Magazine" bleibt in der Punkrock-Schiene, lässt dem Hörer durch seine Alternative-Einflüsse auch mal ruhige Momente. "40 Over" ist die Punkrockballade des Albums, Sehnsucht, Bereuen. Mit "When I Hang Up" schließt dann "Vacation" nach 12 Songs und die Band reaktiviert den treibenden Pop-Punk ein letztes Mal mit einem schönen Wechselspiel der Stimmen von Rhythmus-Gitarrist Patrick Carleton, Andrew Eichinger und Ryan Locke.

Das Album im YT-Stream:

Fazit:
"Vacation" tut nicht weh, eckt nicht an. Seaway haben hier ein sorgloses Stück Musik aufgenommen, das dem geneigten Pop-Punk Fan sicher über weite Teile gefallen wird. Etwas mehr Authentizität und weniger "Happy Happy Joy Joy" hätten dem Gesamtbild vielleicht ganz gut zu Gesicht gestanden, für Tiefgang gesorgt, der ja nicht zwangsweise ins Übermelancholische oder harte Tristesse rutschen muss. Deshalb bleiben auch erinnerungsträchtige Hits wie sie alteingesessene Bands des Genres erzielen konnten eher aus. Hier und da bleiben Melodien und Textfragmente hängen und für den ein oder anderen wird die Platte sicher der persönliche Sommer- oder Urlaubssoundtrack. Mir persönlich fehlt etwas das Eigenständige und der Charakter, der sich auch in diesem tendenziell eher spielraumarmen Genre mit ein paar Feinheiten formen ließe.

Anspieltipps:
Scatter My Ashes, In Your Appartment , When I Hang Up

Ja, ja und nochmal ja! "Where The Mind Wants To Go / Where You Let It Go", das neue und heute erschienene Album von I The Mighty aus San Francisco lief bei mir in den letzten Tagen rauf und runter und neben der neuen Movements-Platte ist es eines der besten Werke der letzten Monate. Produziert wurde das Ding von Casey Bates (Portugal. The Man) und gemischt von Neal Aaron (Twenty One Pilots). Heute gibt's ausnahmsweise mal einen Release-Post zusammen mit einem Mini-Review, einfach, weil's mir unter den Nägeln brennt.

Über Rude Records (Equal Vision in den USA) erscheint die Scheibe hierzulande und hat auf 11 Songs verdammt viel zu bieten. Da wären die Singles "Silver Tongues" mit Tilian Pearson von Dance Gavin Dance, "Chaos In Motion" sowie der Quasi-Titeltrack "Where The Mind Wants To Go" (der grundlegend ein Teil eines Song-Duos ist), die einen guten Querschnitt durch die Platte abbilden, die neben Post-HC-Elementen auch Alternative Rock-Anleihen, Pop- und R'nB-Charakteristika widerspiegelt.

Und eben dieser Facettenreichtum macht diese Platte so spannend und nachhaltig. Technisch sauber und versiert zimmern sich die Herren um Ausnahme-Sänger Brent Walsh durch allerlei Gefühlszustände, immer unter dem Tuch einer gewissen Grundmelancholie. Vom ruhigen "Degenerates"-Intro darf man sich nicht täuschen lassen, denn so wird's nicht bleiben. Während "Where The Mind Wants To Go" ordentlich nach vorne drückt, nimmt "Sleepwalker" das Tempo raus und baut die wunderbarsten Melodiebögen, die Textzeilen wie "I'm just a sleepwalker waking up, this little world that I ceated was a crutch" kaum besser transportieren könnten. "Winchester" mit seiner prägnanten Diskofunk-Gitarrenlinie animiert zum Tanzen und baut eine akustische Filterblase, in die man sich zu gerne zurückziehen mag. Das eher ruhige und dennoch R'nB-lastige "Where You Let It Go", Teil zwei des Titelsong-Duos kommt mit großem choralen Melodie-Refrain, reduzierter Instrumentierung und epischen Textzeilen wie "I will love you even if we're just energy out in the universe". Hut ab.

Bestellen kann man die Platte z. B. über diese Anbieter.

Wer die Band live sehen will, muss sich vorerst mit einer Reise durch den Tunnel, via Fähre oder Flugzeug behelfen, denn sie werden Bayside erst einmal nur in UK supporten:

06.12. - Garage, London
07.12. - Academy 3, Manchester
08.12. - Cathouse, Glasgow
09.12. - O2 Institute 3, Birmingham

Google Play Music:

https://play.google.com/music/m/Bjocqvrxerv6cgexuxqsnhfbroe?t=Where_the_Mind_Wants_to_Go__Where_You_Let_It_Go_-_I_the_Mighty

 

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36_Crazyfists_Lanterns

Artist: 36 Crazyfists
Album: Lanterns
Erscheinungstermin: 29. September 2017
Label: Spinefarm Records
Gesamtlänge: 46:32 Min.
Link zur Band: https://www.facebook.com/36crazyfists/

PreOrders: z. B. über Spinefarm Records UK

Tracklist:

01. Death Eater
02. Wars To Walk Away From
03. Better To Burn
04. Damaged Under Sun
05. Sea And Smoke
06. Where Revenge Ends
07. Sleepsick
08. Bandage For Promis
09. Below The Graves
10. Laying Hands
11. Old Gold
12. Dark Corners

36_Crazyfists
Photo: Bobby Bates Photography

Nach dem 2015er 36 Crazyfists-Album "Time And Trauma", das in den USA in den Billboard Heatseeker Charts auf Platz 2 gelandet ist, kehrt das Quartett aus dem frostigen Anchorage, Alaska mit "Lanterns" nun im Spätsommer 2017 zurück.

Im 23. Jahr nun machen Brock Lindow (Gesang) und Steve Holt (Gitarre) zusammen unter dem Namen 36 Crazyfists Musik. Und auch wenn Mick Whitney (Bass) und Kyle Baltus (Schlagzeug) nicht zu den Gründungsmitgliedern gehören und Mick zwischenzeitlich vier Jahre abstinent war, so sagt die Band, sie sei nicht eine selbige, sondern eine Familie. Lindow, der nach familiären Veränderungen mit seiner ganz persönlichen Depression zu kämpfen hatte, schrieb sich während der Arbeit auf einem Lachskutter die Trauer von der Seele und legte damit den Grundstein für das neue Album.

„'Lanterns' stehen für das Licht, nach dem wir alle suchen. Die Songs drehen sich alle um das Ringen, es zu finden, nach vorne zu schauen und hinter uns zu lassen, was uns in unserem Leben innerlich zurückgehalten hat. Jeder hat auf irgendeiner Ebene mit Depression zu kämpfen. Es geht darum, wie man da raus kommt, einen Fuß vor den anderen setzt, aufsteht und in so einer dunklen Zeit weiterlebt."

Los geht's mit "Death Eater", dessen Namen sie aus Harry Potter entliehen haben und 36 Crazyfists drücken direkt auf's Gaspedal. Circle Pit-Alarm. Was sofort auffällt ist die natürliche Abmischung der Platte. Da klackert der Bass, da scheppert das Schlagzeug (im positiven Sinne) und die Bassdrum kickt wie in den frühen 2000ern, da beißt der Gitarrensound. Im Zwischenteil sieht man förmlich die Faust-Meere in der Luft auf der nächsten Show der Nordamerikaner.

"Wars To Walk Away From" bringt dann eine etwas psychedelischere Stimmung mit sich, die schön vom melodiösen Refrain aufgelöst wird. Lindows Stimme hat über die Jahre nichts an Authentizität eingebüßt und seine Balance zwischen Screams, Shouts und Melodien ist ausgewogen und clever wie eh und je.

"Better To Burn" ist strophentechnisch etwas sperriger, wird aber 36CF-typisch im Refrain aufgelöst. "Damaged Under Sun" beginnt perkussiv mit Drums und Bass, der hart angeschlagen mehr Schlagwerk denn Saiteninstrument ist. Verglichen zu den Refrains der vorangegangenen Songs ist jener schwerer greifbar und erschließt sich nicht umgehend. Macht aber nichts, wir haben Zeit.

Das zurückhaltend beginnende "Sea And Smoke" öffnet die Platte für melancholische Momente, die viel Raum für Lindows charakteristische Stimme und leidende Gesangslinien geben. In diesem Modus geht es weiter mit "Where Revenge Ends", bei dem eine schrabbelige Akustikgitarre den Ton angibt. Man stelle sich eine marode Blockhütte im verschneiten Arctic Village vor, eine Fell tragende Person mit Zottelbart vor einem schwach glimmenden Kamin...wäre der Song ein Pinsel, könnte er dieses Bild malen.

Genug getrauert. "Sleepsick" weckt den Hörer mit einem Shuffle-artigen satten Riff aus seiner Verlorenheit. Der massiven Wand aus Doublebass-Attacken wird noch ein ruhiger Zwischenteil gegenübergestellt. "Bandage For Promis" startet mit der tiefen erzählähnlichen Stimme Lindows und nimmt dann langsam Fahrt auf. Und hier erklingt dann auch das erste Gitarrensolo der Platte, das in seiner Zurückhaltung vielleicht auch mehr Melodiepart sein soll, aber gar nicht hätte sein müssen. Dadurch, daß der Bass in diesem Moment alleine den Song tragen muss, wirkt der Gitarrenpart ein wenig verloren und der Song schwächelt subjektiv betrachtet etwas.

"Laying Hands" ist ein klassischer 36CF-Song. Spannungsaufbauende Strophe, treibender Refrain. Und hier findet sich das nächste Solo, dieses Mal etwas ausgereifter, aber auch jenes nimmt dem Song ein wenig das Futter. "Below The Graves" hat beinahe thrashigen Charakter, besonders in der Bridge des Songs. Das Halftime-Strophenriff erinnert hier und da an Killswitch Engages "Rose Of Sharyn" und schiebt den Metalcore-Vibe ins Trommelfell. Und ob 36CF jemals einen dermaßen aggressiven C-Teil geschrieben haben...hossa. Macht lieber die Zimmertür zu, wenn ihr die Nummer anschmeißt.

"Old Gold", das vorletzte Stück der Platte bringt dann wieder den psychedelischen Ansatz zurück, wirkt angriffslustig und hinterlistig. Dessen böööse Bridge leitet über in den erwartet melodiösen Refrain, der schizophren teils mehrstimmig interpretiert wird und zur Mitte des Songs in eine Art Breakdown kippt. "Dark Corners", der Abschluss der Platte, ist eine schwermütige Nummer mit charakteristischer unverzerrter Gitarre. Zum Ausklang unterstützen verhalten (elektronische) Streicher die Stimmung.

Fazit:
36 Crazyfists bieten auf "Lanterns" das volle Spektrum dessen, was sie können und auszeichnet. Der organische Sound der Platte bereichert ganz klar die Authentizität des Werks und versetzt den Hörer in die "guten alten Zeiten". Etwas Neues wird man hier nicht finden. Wen das nicht stört, der ist mit "Lanterns" gut bedient. Solides und bewährtes Songwriting, technisch einwandfrei umgesetzt und eine Stimme wie Lindows findet man in der Form einfach kein zweites Mal. Schwermut, Melancholie und auch Frustration dominieren die Stimmung der Scheibe und ihre Veröffentlichung zur herbstlichen Jahreszeit trägt sicher zur Verinnerlichung der Songs bei.

Anspieltipps: Wars To Walk Away From, Sea And Smoke, Sleepsick

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Citizen As You Please

Artist: Citizen
Album: As You Please
Erscheinungstermin: 06. Oktober 2017
Label: Run For Cover
Gesamtlänge: -
Link zur Band: https://www.facebook.com/Citizentheband/

PreOrders: z. B. über Run For Cover UK

Tracklist:

01. Jet
02. In the Middle Of It All
03. As You Please
04. Medicine
05. Ugly Luck
06. World
07. Fever Days
08. Control
09. Discrete Routine
10. I Forgive No One
11. You Are a Star
12. Flowerchild

Laut Presseinfo beschreibt "As You Please", das neue Album von Citizen, die Ursprünge der Unzufriedenheit, die den US-amerikanischen Rostgürtel - und ganz besonders seine Heimatstadt Toledo, Ohio - schon seit vielen Jahren heimsucht. Da ich wenig Berührungspunkte mit den gesellschaftlichen Zuständen in den USA vorweisen kann, lasse ich das vorliegende Werk ungeachtet dieses Kontexts frei und unabhängig wirken und dokumentiere das Erlebnis - und dieses Album ist eines - in eigenen Worten.

Randnotiz:
Die Band ist im Oktober auf Minitour in Deutschland:

07.10. 2017 Köln | Tsunami Club (ausverkauft)
08.10.2017 Berlin | Cassiopeia

Mit "Jet", der ersten Single des Albums geht es also in die Tiefen der Seele bzw. Erfahrungen von Sänger Mat Kerekes. Ein leicht britischer Indierock-Gitarrenklang, ein hektischer Bass im Wechsel mit verspielten Drums, die Stimme von Sänger Kerekes, die mal lakonisch, mal nachdrücklich eine Geschichte von Unsicherheit, Verzweiflung und Schuld erzählt, gipfelnd in einem phantastischen Refrain...ein großartiger Einstieg.

"If I'm in vain then you, you must be too
Are we on our way back down?
Into delusion we will go to stare at a glimpse of hope
Make me more assured, to clean my wounds"

Der C-Teil erinnert gar durch seinen leichten Shoegaze-Charakter an die letzte Hundredth-Platte. Die Band hat übrigens auch eine Live-Version im Studio 4 aufgenommen und als Video veröffentlicht, das ihr hier findet.

"In The Middle Of It All" überrascht mit einem beinahe Queen-esquen mehrstimmigen Vocal-Intro, dem ein fast trockenes "I saw you were there!" aus dem Off entgegengestellt wird. Und dann folgt dieser flächige Refrain, der auch von Rivers Cuomo hätte geschrieben sein können. Simulierte Abtastfehler des CD-Player-Lasers, die den Hörer hektisch nach der Ursache zu suchen nötigen beenden die Harmonie - verstörend.

Der Titeltrack "As You Please" scheint ungefährlich, unauffällig und lethargisch, bis die Fuzzgitarren und ein hohes Zirpen den Hörer aber eines Besseren belehren. "Medicine" klingt wie der tongewordene Blick auf die leere Dose Prozac auf dem Nachttisch. Notleiden, Fluchtgesuche, Panik - nicht im Sinne einer unkontrollierten Eskalation, sondern eher einer emotionalen Ausweglosigkeit. "Ugly Luck" zieht das Tempo dann ein wenig an und hilft dem Hörer von den Knien hoch zurück in den Stand - um zu tanzen und mit Optimismus gen Horizont zu blicken. Eine Grundbetroffenheit bleibt, aber eine positive Gleichgültigkeit drängt sie immer wieder in ihre Ecke zurück.

Zu Beginn von "World" klingt Kerekes' Stimme, als befände er sich mit dem Hörer in einem spärlich möblierten Raum, zu ihm sprechend in einem privaten Dialog. Dem Kern seiner Aussage verleiht er schroff Ausdruck im fordernden Refrain, in dem eine Flanger-artige Backgroundstimme den zweiten Melodiepart übernimmt.
"Fever Days" konzentriert sich vorerst auf eine akustische Gitarrenlinie und die einfache verzerrte Basslinie, die zusammen mit den Drums den Einstieg in etwas Großes bereitet. Citizen verstehen es wahrhaftig, Spannung aufzubauen, mit Dynamik zu spielen und selten gute Refrains wie aus dem siebten Überraschungsei zu zaubern.

"Control" erinnert ein wenig an The Appleseed Cast, melancholische Abgeschlagenheit, zerbrochene und mühsam zusammengeklebte Hoffnung. "Discrete Routine" ist schleppend, beginnt wie eine abendliche Sommerbrise, die in ein vorherbstliches Unwetter umschlägt. "I Forgive No One" wird mit modulierter Stimme eröffnet, ein knarziger Bass, ein Double-Time Refrain mit Noise-lastigem Chorus. "You Are A Star"startet geheimnisvoll mit perkussivem Intro, das in den klaren Refrain überleitet, der im Laufes Stückes noch wächst und sich mit dramaturgisch starken Klang-Elementen angereichert vor dem Hörer aufrichtet, bis er selbst zum Outro wird.

"Flowerchild", die längste Nummer der Platte, beginnt akustisch und unschuldig. Der letzte Sommertag barfuß im Gras, die Halme zwischen den Zehen, ein Ausbruch an Emotionen, impulsiv und energetisch. Auch Kerekes' Stimme kratzt ungewohnt und überraschend, überschlägt sich beinahe. Eine verhaltenes Klavier steht der Akustikgitarre zur Verabschiedung zur Seite. Bis bald, Citizen. Hoffentlich bis ganz bald.

Fazit:
Mit "As You Please" liefern Citizen DEN Soundtrack für die Post-Sommerdepression. Fragil, emotional und melancholisch weckt dieses Album Erinnerungen an Momente, die vielleicht niemals stattgefunden haben. Es inspiriert und zeichnet Geschichten. Dieses Album transportiert akustisch nicht nur durch eine große Vielzahl an Sounds und Instrumenten ein ganzes Bilderbuch, das der Hörer erstmal (be)greifen lernen muss. Große Harmonien öffnen Türen und erleichtern den Zugang. Die Vielfalt der Songs, die emotionale Varianz, die immer wieder von einer subtilen Tristesse begleitet wird verleihen "As You Please" einen umfangreichen Charakter, der lange begeistern können wird.
Wem das neue Turnover-Album zu fröhlich war, aber nicht auf den Mix aus Emo, Indie und Alternative verzichten mag, der wird mit dem neuen Werk von Citizen sein dunkles Gegenstück finden.

Anspieltipps: Alles

Eigentlich wollte ich ja effizienter beim Schreiben von Reviews werden, aber das neue The Hirsch Effekt-Album "Eskapist" (Long Branch Records) hat es einfach verdient, mit einer besonderen Rezension bedacht zu werden. Das ganze Ding findet ihr bei Time For Metal bzw. nachfolgendem Link:

The Hirsch Effekt – Eskapist

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Für Time For Metal habe ich mir das neue morgen erscheinende Werk der norwegischen Leprous vorgenommen und es war eine der besten Entscheidungen der letzten Monate. Großartige Songs voller Tiefgang, Melancholie, Kreativität und Epik.

Leprous – Malina

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Wage War Deadweight

Artist: Wage War
Album: Deadweight
Erscheinungstermin: 04. August 2017
Label: Spinefarm Records
Gesamtlänge: 39:43 Min.
Link zur Band: https://www.facebook.com/wagewar/

PreOrders: z. B. via Impericon

Tracklist:

1. Two Years
2. Southbound
3. Don´t Let Me Fade Away
4. Stitch
5. Witness
6. Deadweight
7. Gravity
8. Never Enough
9. Indestructible
10. Disdain
11. My Grave Is Mine To Dig
12. Johnny Cash

2016 waren Wage War aus dem amerikanischen Ocala, Florida, der Heimatstadt von A Day To Remember noch mit The Amity Affliction auf Tour in unseren Breiten und haben nachdrücklich am Aufbau ihrer Fanbase gearbeitet. Nach "Blueprints" folgt am 04. August. mit "Deadweight" nun der Nachfolger zu einem Metalcore-Album, das leider vielerorts nur unter "ferner liefen" gehandelt wurde. Damals habe ich noch ein Interview mit der Band führen dürfen, das ihr hier nachlesen könnt.

Besetzungstechnisch warten Wage War am Mikro nicht unbedingt mit einer Überraschung auf, setzt man auf Growls durch Briton Bond und Cleans von Gitarrist Cody Quistad. Was auffällt, ist die Wucht und Aggression, mit der Bond sich Gehör verschafft - und dabei akzentuiert und verständlich schreit. Die Hälfte des Intros "Two Years" vergeht mit verhallten, atmoshpärischen Gitarren, um dann im zweiten Teil mit der Keule die Party einzuleiten. "Southbound" ist böse, rotzig und gemein. Überragend ist der Stakkato-gleiche melodische Gesang von Quistad im Refrain, der sich Bond widersetzt. Als Outro spendiert die Band der Nummer noch einen das frickelige Gitarrenpicking unterstützenden Club-Chor. "Don't Let Me Fade Away" setzt auf dasselbe Rezept und differenziert sich lediglich durch einen etwas eingängigeren, glatteren Refrain.

"This record was exceptionally hard to pick singles for because of how much time and work we put into making every song a great one. 'Don't Let Me Fade Away' was always a stand out from the beginning. It's all the elements that make up our band in one song, and in a perfected state. We're very excited for all that's ahead!”

Beinahe NuMetal-gleich geht es bei der 1. Single "Stitch" weiter. Rhythmische Shouts, disharmonische Läufe und Oberton-Gepiepse der Gitarren plus Breakdown-Gier ohne Cleans machen die Nummer zum Powersong jeder Sport-App. Mit "Witness" arbeiten sich Wage War (mehr hinterlistig als dauerhaft gemäßigt) an unsere jetzt bereits tauben Ohren heran und dialogartig wechseln sich Bond und Quistad an den Mikros ab. Sein Refrain und das beinahe Bring Me The Horizon-esque Outro sind zwar verhältnismäßig nette Fürsprecher des Songs, duellieren sich aber allzuhäufig mit Bonds Parts. Mit einem grandios klingenden Basslauf geht es in den Titeltrack "Deadweight". Melodie steht hier nicht im Vordergrund und wird nur minimalistisch zugelassen, dafür setzt man auf ordentlich Druck und knüpft wieder an NuMetal-Schemata erinnernde Beatkonstrukte an. Eigentlich dachte ich, daß das Architectsche "Blergh!" aus der Mode gekommen sei. Wage War scheißen drauf.

"Gravity" - ich erwähne es nur aus Gründen der Bildhaftigkeit - birgt durch seine verträglichen Gitarrenläufe, die hier die Plattform für stimmliche Melodiekonstrukte bilden einen vagen BMTH-Charakter. Etwas Imminence und in Bridge und Refrain kann Quistad zeigen, was seine 100% cleane Stimme denn alle so zu können vermag. Bonds Growls werden weit in den Hintergrund gerückt. Schön.

Aufgewacht! "Never Enough" knüppelt sich in Hochgeschwindigkeit in guter The Ghost Inside-Manier durch die Strophe, protzt mit Breakdowns und August Burns Red-artigen Gesangseinlagen. Für die Bollo-Kids gibt's dann auch noch einen satten Fuß-Schläfe-Part. "Indestructible" hält das Tempo aufrecht und ändert auch am konzeptionellen Aufbau "Growls in der Strophe - knappe Bridge - melodischer Halftime-Refrain - Breakdown-Brutalität" nicht viel.  "I miss the days when I felt indestructible" klagt Quistad. Bond beschwichtigt ihn aber mit "Even through the darkest nights, all hope is not lost" gen Ende der Nummer. Die Hoffnung stirbt halt zuletzt.

Mit dem 02:05 Min. knappen vorletzten Song "Disdain" bitten Wage War nochmal zum Tanze auf dem Rande des Vulkans. Slipknot-artige Doublebassattacken blasen auch die letzten Pollen von den Boxen. "My Grave Is Mine To Dig" blerght sich anschließend nochmal durch die Membranen und was vorher gut geklappt hat, ziehen die Jungs gern noch einmal durch. Strophenfrust, Refrainharmonie. Inhaltlich klingt das, was Bond und Quistad hier erzählen jedoch alles andere als glücklich. "If I could change myself I would, but I don't know where to begin" wecken gar Mutterinstinkte. Mit dem letzten Song "Johnny Cash" verkündet Quistad, dem Hörer nun eine Geschichte zum Besten zu geben. Es geht um Liebeskummer, um Verlust und eigene schicksalhafte Fehler, die im atmosphärischsten Stück der Platte gut verpackt in vielerlei Facetten der menschlichen Gefühlspalette akustisch aufbereitet ihren Weg ins Ohr des Hörers finden.

Fazit:

Wage War haben mit "Deadweight" ein ordentliches Brett abgeliefert, das knarrzt und knackt und an den Kanten nicht zu glattgeschliffen ist und der Gefahr trotzt, in Regenbogeneinhorn-Metalcore abzuknicken. Mit Songs wie "Gravity" vermag die Band Kontraste zu setzen und scheut sich dadurch eben nicht, auch ihre Qualitäten abseits der Breakdown-Täler zu präsentieren. Daß man aber eben nicht dem Trend der Verweichlichung im modernen Metal folgt, stellen sie andernorts ausgiebig klar. Hier geht's nicht um Sonntagskaffee bei der Schwiegermutter, sondern um eine gepflegte Bierzeltprügelei mit dem Schwiegervater. "Southbound", "Don't Let Me Fade Away" und "Disdain" gehören für mich klar zu den Favoriten der Platte. Fans von Kingdom Of Giants oder In Hearts Wake werden mit "Deadweight" definitiv ihren Spaß haben. Und auch Fans von gepflegtem NuMetal könnte es dazu verleiten, hier und da mit dem Zeh zu wippen.

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Dayseeker DREAMING IS SINKING WAKING IS RISING

Artist: Dayseeker
Album: Dreaming Is Sinking // Waking Is Rising
Erscheinungstermin: 14. Juli 2017
Label: Spinefarm Records
Gesamtlänge: 44:49 Min.
Link zur Band: http://www.dayseekerband.com/

Tracklist:

1. Dreaming Is Sinking
2. Vultures
3. Cold, Dark Winter
4. Abandon
5. Sleep In The Sea pt. II
6. Six Feet Under
7. Hanging By A Thread
8. Desolate
9. Carved From Stone
10. Come Hell Or High Water
11. Counterpart
12. Waking Is Rising

Dayseeker gelten hierzulande noch als massiv unterbewertet - und das vollkommen zu Unrecht. Was einst mit ein paar Songs via Youtube begann, hat sich zu einer respektablen Band gewandelt, die bis dato zwei beachtliche Alben veröffentlicht hat. In ihren Reihen allen voran Ausnahmesänger Rory Rodriguez, der wie z. B. Garret Rapp von The Color Morale eine wunderschöne Stimmfarbe mitbringt und sowohl in den Growls und Screams wie auch den Cleans 100% überzeugen kann, unfassbar viel Gefühl und Variation präsentiert.

Dayseeker
Dayseeker 2017, Photo-Credit: Kolby Schnelli

"Dreaming Is Sinking // Waking Is Rising" ist das nunmehr dritte Album der Band aus Orange County und es gilt, die Qualität der Vorgänger zu erreichen oder besser noch, zu überragen. Die Band erklärte, daß hinter der Scheibe ein semifiktionales Gesamtkonzept steht, nachdem die Vorgänger-Alben eher autobiographisch angesetzt waren. Die Geschichte baut auf den Erfahrungen Rorys mit dem Koma einer Ex-Freundin, Alex Garlands Buch "The Coma" und Boys Night Outs 2005er Konzeptalbum "Trainwreck" auf.

Los geht's mit dem Intro "Dreaming Is Sinking", das mit seinen 44 Sekunden als Einleitung zur ersten Single "Vultures" zu verstehen ist. Jene angesprochene Single nun ist auch bereits, ohne den anderen Songs ihre Qualität absprechen zu wollen, für mich persönlich das Herzstück der Platte. Vielleicht liegt es auch daran, daß ich den Song bereits vielleicht 50x gehört habe. Architects-gleiche Riffs und ein Refrain, der einfach herausragend ist zeichnen die Nummer aus. Die Produktion ist sauber, differenziert und detailverliebt. Wo "What It Means To Be Defeated" damals noch ziemlich dumpf klang und die Qualität bereits auf "Origin" deutlich zunahm, brillieren hier alle Instrumente in einer großartigen Abmischung. Daß Rory seine Texte lebt, zeigt sich besonders im Outro, in welchem er mit brechender Stimme die Geschichte einer der Personen der Geschichte reflektiert. Gänsehaut.

Weiter geht's mit "Cold, Dark Winter", das von Tragödie, Trauer und Haltlosigkeit erzählt und durch einen phantastischen Refrain besticht. Die zweite Single "Abandon" startet schroff und wandelt sich mit Klavierbegleitung dann wieder zu einer hochmelodiösen Komposition mit bösem Breakdown am Ende. Zur dritten Single "Sleep In The Sea Pt.2" hat man sich Garrett Russell von Silent Planet als stimmliche Unterstützung geholt. Beide Sänger harmonieren hervorragend, was sich aber auch nur in den Growl-Parts widerspiegelt. Die Melodiearbeit obliegt weiterhin Rory. Silent Planet waren übrigens so nett, der Band ihr Facebook-Profil zu Promozwecken zu überlassen, nachdem ein Witzbold ausgerechnet in der Woche vor Veröffentlichung das Profil von Dayseeker gehijacked hat und seitdem belanglosen Unsinn postet.

"Six Feet Under" drückt aufs Gaspedal. Der Strophenpart, der auch Fans von Issues ansprechen könnte hat einen schönen R 'n' B-Charakter, während Refrain und Strophe mit verspielten Gitarrenriffs trumpfen. "Hanging By A Thread" ist die vielleicht verhaltenste Nummer der Platte und gilt mit knapp zwei Minuten eher als Interlude oder Reflektion der Hauptfigur der Geschichte. "Desolate" ist für technisch und rhythmisch interessierte Fans sicher eine der Anlaufstationen des Albums, denn neben atmosphärischen Parts gibt es hier dicke Gitarrenwände und versiertes Picking.

"Carved From Stone" besitzt den vielleicht höchsten Pop-Appeal der Produktion und gleichzeitig die größte Zerbrechlichkeit. "You can't just leave. Not making after all these memories" leidet Rory hier glaubwürdig. "Come Hell Or High Water" ist wie "Cold, Dark Winter" ein satter Melodic Hardcore-Song mit einer feinen Spur Soul in den Melodien. Breakdowns stehen im Kontrast zum treibenden Refrain. "This coma is a prison" klagt Rory, bevor es in einen bedrohlich wirkenden Endpart geht. "Counterpart", das vorletzte Stück der Platte folgt dann wieder der Zurückhaltung von "Carved From Stone" und der Fokus liegt ganz klar auf Rorys Worten. Und gerade, wenn man meint, die konstante Ruhe des Songs endet in absoluter Stille, folgt eine überraschende Wende.

Mit dem letzten Song "Waking Is Rising" wird der Titel der Platte komplettiert. Rory singt "At my funeral they will read 'Dreaming is sinking, waking is rising.'" und beschließt damit die Geschichte des Mannes, der in ein Koma gefallen ist und sich während des Kampfes, dem mentalen Gefängnis zu entfliehen selbst findet. Für die extra Portion Dramatik hat die Band noch ein elektronisch-unterstütztes Breakdown-Riff als Outro eingebaut. Nicht so stark wie die ersten zwei, drei Songs, aber ein würdiges Ende eines tollen Albums, dem Josh Schroeder (King 810, The Plot In You, Battlecross) einen mehr als satten und klaren Sound verpasst hat.

Fazit:

"Dreaming Is Sinking // Waking Is Rising" ist Dayseekers vielleicht stärkstes Album, ohne hier in Marketingsfloskeln zu ersaufen. Die Platte ist intensiv, tief (auch die runtergestimmten Gitarren tragen ihren Teil dazu bei, eine gewisse Atmosphäre und Fläche zu erzielen), persönlich, emotional und charakterstark. Es gibt einfach wenige, die aktuell im modernen Metal Sängern wie Rory das Wasser reichen können. Das Songwriting ist solide, durchdacht, die Instrumentalisten überzeugen in jeder Note und neben Clubhit-Potential geht auch die Idee des Konzepts, das eben nicht nur mit catchy Singalongs umzusetzen wäre nicht verloren und findet ihre Bestimmung in den Interludes, den Monologen des Protagonisten, die mal lauter, mal leiser ausfallen. Unbedingte Hörempfehlung für alle, die kreativen und eigenständigen Metalcore mögen, der sich nicht davor scheut, populäre Melodien mit klassischen Growls zu kombinieren.