Springe zum Inhalt

Seaway Vacation

Artist: Seaway
Album: Vacation
Erscheinungstermin: 15. September 2017
Label: Pure Noise Records
Gesamtlänge: 38:52 Min.
Link zur Band: https://www.facebook.com/seawayband/

Tracklist:

1. Apartment
2. Neurotic
3. London
4. Lula On The Beach
5. Something Wonderful
6. Curse Me Out
7. Day Player
8. Misery In You
9. Scatter My Ashes Along the Coast, or Don’t (Featuring Caleb Shomo of Beartooth)
10. Car Seat Magazine
11. 40 Over
12. When I Hang Up

“The new music still sounds like Seaway. It’s got that party vibe, and it’s fun, but some of the songs are more mid-tempo. There are some more rock aspects influenced by bands we love like Weezer and Third Eye Blind. I felt like was just a matter of time before those influences came out. It’s pop punk at the end of the day."

Mit diesen Worten beschreibt Lead-Gitarrist Andrew Eichinger die Entwicklung des aktuellen Albums "Vacation" seiner Band Seaway aus dem kanadischen Ontario. Nach "Hoser" (2013) und "Colour Blind" (2015) hat das Quintett seit Mitte September als Album Nummer 3 auf dem Markt. An der (Pre)Produktion waren sage und schreibe vier Meister ihres Faches beteiligt, namentlich Derek Hoffman in Kanada, Alan Day (Four Year Strong) in Massachusetts und Mike Green (All Time Low, Sum 41, Pierce The Veil) in Los Angeles sowie Kyle Black (Senses Fail, Five Seconds of Summer). Eigentlich eine gute Basis, um ein Hit-Album zu schreiben. Oder vielleicht doch zuviele Köche?

Wie schreibt man ein Review über ein Pop-Punk-Album?
Gute Laune, Mitsing-Refrains, Tanzbarkeit, Twentysomething-Melancholie, sommerliche Unbeschwertheit...das sind die essentiellen Zutaten, die so mancher Platte des Genres zum Erfolg verholfen haben.

Seaway weisen auf einige der Zutaten zumindest schonmal plakativ mit ihrem Urlaubskoffer-Cover hin. Und mit dem Titel der neuen Scheibe "Vacation" ist die Sache dann auch glasklar. Hier werden diverse bekannte Städte der Welt besungen.
Los geht's mit "Appartment", einer feinen Ausrast-Nummer, die den ewigen Urlaub heraufbeschwört.

"Neurotic", in dem Amsterdam Erwähnung findet erinnert mit seinem College Punk-Flair an alte Nine Days- und Wheatus-Zeiten. Der Gangshout-Refrain ruft dem Hörer direkt das Bild der feierwütigen Partymeute am Pool der kalifornischen Vorstadtvilla vor Augen. Und wer schon das zehnte Bier drin hat, der kann immer noch "Nanana" mitsingen. "London" handelt von den Umzugsplänen der Protagonistin nach London, denen Sänger Ryan Locke aber aufgrund leerer Taschen nicht folgen kann. Vielleicht reicht auch ein Besuch vorerst aus, um die Stadt zu erleben.

"Lula On The Beach" klingt etwas kaugummizäh und Bubblegum-Punk-esque, wie es sein Titel vermuten lässt. Ein paar Weezer-Elemente hier und da, eine simple Melodie...Schlummerparty-Soundtrack.

"Something Wonderful" zieht dann wieder an und animiert zum Mitklatschen in der Strophe. Und auch eine Akustikgitarre bringt das gewisse Urlaubsfeeling in den C-Teil des Songs. An irgendeinen Song (vielleicht von einem American Pie-Soundtrack?) erinnert mich die Melodie im Refrain...

"Curse Me Out" setzt auf Melancholie und unschuldige Besessenheit. "Day Player" ist wieder ein beschwingter College Punkrock-Song ohne Ecken und Kanten. "Misery In You" lässt erstmal vermuten, daß hier der Spaß vorbei ist. Und in der Tat wird es emotionaler und tiefgründiger, thematisiert der Song doch die Depressionen der/des Protagonistin/Protagonisten. "Scatter My Ashes Along The Coast Or Don't" wartet mit dem klassischen Third Eye Blind-Feeling auf, hat sogar ein wenig was von Alkaline Trios Matt Skiba. "Car Seat Magazine" bleibt in der Punkrock-Schiene, lässt dem Hörer durch seine Alternative-Einflüsse auch mal ruhige Momente. "40 Over" ist die Punkrockballade des Albums, Sehnsucht, Bereuen. Mit "When I Hang Up" schließt dann "Vacation" nach 12 Songs und die Band reaktiviert den treibenden Pop-Punk ein letztes Mal mit einem schönen Wechselspiel der Stimmen von Rhythmus-Gitarrist Patrick Carleton, Andrew Eichinger und Ryan Locke.

Das Album im YT-Stream:

Fazit:
"Vacation" tut nicht weh, eckt nicht an. Seaway haben hier ein sorgloses Stück Musik aufgenommen, das dem geneigten Pop-Punk Fan sicher über weite Teile gefallen wird. Etwas mehr Authentizität und weniger "Happy Happy Joy Joy" hätten dem Gesamtbild vielleicht ganz gut zu Gesicht gestanden, für Tiefgang gesorgt, der ja nicht zwangsweise ins Übermelancholische oder harte Tristesse rutschen muss. Deshalb bleiben auch erinnerungsträchtige Hits wie sie alteingesessene Bands des Genres erzielen konnten eher aus. Hier und da bleiben Melodien und Textfragmente hängen und für den ein oder anderen wird die Platte sicher der persönliche Sommer- oder Urlaubssoundtrack. Mir persönlich fehlt etwas das Eigenständige und der Charakter, der sich auch in diesem tendenziell eher spielraumarmen Genre mit ein paar Feinheiten formen ließe.

Anspieltipps:
Scatter My Ashes, In Your Appartment , When I Hang Up

Ja, ja und nochmal ja! "Where The Mind Wants To Go / Where You Let It Go", das neue und heute erschienene Album von I The Mighty aus San Francisco lief bei mir in den letzten Tagen rauf und runter und neben der neuen Movements-Platte ist es eines der besten Werke der letzten Monate. Produziert wurde das Ding von Casey Bates (Portugal. The Man) und gemischt von Neal Aaron (Twenty One Pilots). Heute gibt's ausnahmsweise mal einen Release-Post zusammen mit einem Mini-Review, einfach, weil's mir unter den Nägeln brennt.

Über Rude Records (Equal Vision in den USA) erscheint die Scheibe hierzulande und hat auf 11 Songs verdammt viel zu bieten. Da wären die Singles "Silver Tongues" mit Tilian Pearson von Dance Gavin Dance, "Chaos In Motion" sowie der Quasi-Titeltrack "Where The Mind Wants To Go" (der grundlegend ein Teil eines Song-Duos ist), die einen guten Querschnitt durch die Platte abbilden, die neben Post-HC-Elementen auch Alternative Rock-Anleihen, Pop- und R'nB-Charakteristika widerspiegelt.

Und eben dieser Facettenreichtum macht diese Platte so spannend und nachhaltig. Technisch sauber und versiert zimmern sich die Herren um Ausnahme-Sänger Brent Walsh durch allerlei Gefühlszustände, immer unter dem Tuch einer gewissen Grundmelancholie. Vom ruhigen "Degenerates"-Intro darf man sich nicht täuschen lassen, denn so wird's nicht bleiben. Während "Where The Mind Wants To Go" ordentlich nach vorne drückt, nimmt "Sleepwalker" das Tempo raus und baut die wunderbarsten Melodiebögen, die Textzeilen wie "I'm just a sleepwalker waking up, this little world that I ceated was a crutch" kaum besser transportieren könnten. "Winchester" mit seiner prägnanten Diskofunk-Gitarrenlinie animiert zum Tanzen und baut eine akustische Filterblase, in die man sich zu gerne zurückziehen mag. Das eher ruhige und dennoch R'nB-lastige "Where You Let It Go", Teil zwei des Titelsong-Duos kommt mit großem choralen Melodie-Refrain, reduzierter Instrumentierung und epischen Textzeilen wie "I will love you even if we're just energy out in the universe". Hut ab.

Bestellen kann man die Platte z. B. über diese Anbieter.

Wer die Band live sehen will, muss sich vorerst mit einer Reise durch den Tunnel, via Fähre oder Flugzeug behelfen, denn sie werden Bayside erst einmal nur in UK supporten:

06.12. - Garage, London
07.12. - Academy 3, Manchester
08.12. - Cathouse, Glasgow
09.12. - O2 Institute 3, Birmingham

Google Play Music:

https://play.google.com/music/m/Bjocqvrxerv6cgexuxqsnhfbroe?t=Where_the_Mind_Wants_to_Go__Where_You_Let_It_Go_-_I_the_Mighty

 

1

36_Crazyfists_Lanterns

Artist: 36 Crazyfists
Album: Lanterns
Erscheinungstermin: 29. September 2017
Label: Spinefarm Records
Gesamtlänge: 46:32 Min.
Link zur Band: https://www.facebook.com/36crazyfists/

PreOrders: z. B. über Spinefarm Records UK

Tracklist:

01. Death Eater
02. Wars To Walk Away From
03. Better To Burn
04. Damaged Under Sun
05. Sea And Smoke
06. Where Revenge Ends
07. Sleepsick
08. Bandage For Promis
09. Below The Graves
10. Laying Hands
11. Old Gold
12. Dark Corners

36_Crazyfists
Photo: Bobby Bates Photography

Nach dem 2015er 36 Crazyfists-Album "Time And Trauma", das in den USA in den Billboard Heatseeker Charts auf Platz 2 gelandet ist, kehrt das Quartett aus dem frostigen Anchorage, Alaska mit "Lanterns" nun im Spätsommer 2017 zurück.

Im 23. Jahr nun machen Brock Lindow (Gesang) und Steve Holt (Gitarre) zusammen unter dem Namen 36 Crazyfists Musik. Und auch wenn Mick Whitney (Bass) und Kyle Baltus (Schlagzeug) nicht zu den Gründungsmitgliedern gehören und Mick zwischenzeitlich vier Jahre abstinent war, so sagt die Band, sie sei nicht eine selbige, sondern eine Familie. Lindow, der nach familiären Veränderungen mit seiner ganz persönlichen Depression zu kämpfen hatte, schrieb sich während der Arbeit auf einem Lachskutter die Trauer von der Seele und legte damit den Grundstein für das neue Album.

„'Lanterns' stehen für das Licht, nach dem wir alle suchen. Die Songs drehen sich alle um das Ringen, es zu finden, nach vorne zu schauen und hinter uns zu lassen, was uns in unserem Leben innerlich zurückgehalten hat. Jeder hat auf irgendeiner Ebene mit Depression zu kämpfen. Es geht darum, wie man da raus kommt, einen Fuß vor den anderen setzt, aufsteht und in so einer dunklen Zeit weiterlebt."

Los geht's mit "Death Eater", dessen Namen sie aus Harry Potter entliehen haben und 36 Crazyfists drücken direkt auf's Gaspedal. Circle Pit-Alarm. Was sofort auffällt ist die natürliche Abmischung der Platte. Da klackert der Bass, da scheppert das Schlagzeug (im positiven Sinne) und die Bassdrum kickt wie in den frühen 2000ern, da beißt der Gitarrensound. Im Zwischenteil sieht man förmlich die Faust-Meere in der Luft auf der nächsten Show der Nordamerikaner.

"Wars To Walk Away From" bringt dann eine etwas psychedelischere Stimmung mit sich, die schön vom melodiösen Refrain aufgelöst wird. Lindows Stimme hat über die Jahre nichts an Authentizität eingebüßt und seine Balance zwischen Screams, Shouts und Melodien ist ausgewogen und clever wie eh und je.

"Better To Burn" ist strophentechnisch etwas sperriger, wird aber 36CF-typisch im Refrain aufgelöst. "Damaged Under Sun" beginnt perkussiv mit Drums und Bass, der hart angeschlagen mehr Schlagwerk denn Saiteninstrument ist. Verglichen zu den Refrains der vorangegangenen Songs ist jener schwerer greifbar und erschließt sich nicht umgehend. Macht aber nichts, wir haben Zeit.

Das zurückhaltend beginnende "Sea And Smoke" öffnet die Platte für melancholische Momente, die viel Raum für Lindows charakteristische Stimme und leidende Gesangslinien geben. In diesem Modus geht es weiter mit "Where Revenge Ends", bei dem eine schrabbelige Akustikgitarre den Ton angibt. Man stelle sich eine marode Blockhütte im verschneiten Arctic Village vor, eine Fell tragende Person mit Zottelbart vor einem schwach glimmenden Kamin...wäre der Song ein Pinsel, könnte er dieses Bild malen.

Genug getrauert. "Sleepsick" weckt den Hörer mit einem Shuffle-artigen satten Riff aus seiner Verlorenheit. Der massiven Wand aus Doublebass-Attacken wird noch ein ruhiger Zwischenteil gegenübergestellt. "Bandage For Promis" startet mit der tiefen erzählähnlichen Stimme Lindows und nimmt dann langsam Fahrt auf. Und hier erklingt dann auch das erste Gitarrensolo der Platte, das in seiner Zurückhaltung vielleicht auch mehr Melodiepart sein soll, aber gar nicht hätte sein müssen. Dadurch, daß der Bass in diesem Moment alleine den Song tragen muss, wirkt der Gitarrenpart ein wenig verloren und der Song schwächelt subjektiv betrachtet etwas.

"Laying Hands" ist ein klassischer 36CF-Song. Spannungsaufbauende Strophe, treibender Refrain. Und hier findet sich das nächste Solo, dieses Mal etwas ausgereifter, aber auch jenes nimmt dem Song ein wenig das Futter. "Below The Graves" hat beinahe thrashigen Charakter, besonders in der Bridge des Songs. Das Halftime-Strophenriff erinnert hier und da an Killswitch Engages "Rose Of Sharyn" und schiebt den Metalcore-Vibe ins Trommelfell. Und ob 36CF jemals einen dermaßen aggressiven C-Teil geschrieben haben...hossa. Macht lieber die Zimmertür zu, wenn ihr die Nummer anschmeißt.

"Old Gold", das vorletzte Stück der Platte bringt dann wieder den psychedelischen Ansatz zurück, wirkt angriffslustig und hinterlistig. Dessen böööse Bridge leitet über in den erwartet melodiösen Refrain, der schizophren teils mehrstimmig interpretiert wird und zur Mitte des Songs in eine Art Breakdown kippt. "Dark Corners", der Abschluss der Platte, ist eine schwermütige Nummer mit charakteristischer unverzerrter Gitarre. Zum Ausklang unterstützen verhalten (elektronische) Streicher die Stimmung.

Fazit:
36 Crazyfists bieten auf "Lanterns" das volle Spektrum dessen, was sie können und auszeichnet. Der organische Sound der Platte bereichert ganz klar die Authentizität des Werks und versetzt den Hörer in die "guten alten Zeiten". Etwas Neues wird man hier nicht finden. Wen das nicht stört, der ist mit "Lanterns" gut bedient. Solides und bewährtes Songwriting, technisch einwandfrei umgesetzt und eine Stimme wie Lindows findet man in der Form einfach kein zweites Mal. Schwermut, Melancholie und auch Frustration dominieren die Stimmung der Scheibe und ihre Veröffentlichung zur herbstlichen Jahreszeit trägt sicher zur Verinnerlichung der Songs bei.

Anspieltipps: Wars To Walk Away From, Sea And Smoke, Sleepsick

1

Citizen As You Please

Artist: Citizen
Album: As You Please
Erscheinungstermin: 06. Oktober 2017
Label: Run For Cover
Gesamtlänge: -
Link zur Band: https://www.facebook.com/Citizentheband/

PreOrders: z. B. über Run For Cover UK

Tracklist:

01. Jet
02. In the Middle Of It All
03. As You Please
04. Medicine
05. Ugly Luck
06. World
07. Fever Days
08. Control
09. Discrete Routine
10. I Forgive No One
11. You Are a Star
12. Flowerchild

Laut Presseinfo beschreibt "As You Please", das neue Album von Citizen, die Ursprünge der Unzufriedenheit, die den US-amerikanischen Rostgürtel - und ganz besonders seine Heimatstadt Toledo, Ohio - schon seit vielen Jahren heimsucht. Da ich wenig Berührungspunkte mit den gesellschaftlichen Zuständen in den USA vorweisen kann, lasse ich das vorliegende Werk ungeachtet dieses Kontexts frei und unabhängig wirken und dokumentiere das Erlebnis - und dieses Album ist eines - in eigenen Worten.

Randnotiz:
Die Band ist im Oktober auf Minitour in Deutschland:

07.10. 2017 Köln | Tsunami Club (ausverkauft)
08.10.2017 Berlin | Cassiopeia

Mit "Jet", der ersten Single des Albums geht es also in die Tiefen der Seele bzw. Erfahrungen von Sänger Mat Kerekes. Ein leicht britischer Indierock-Gitarrenklang, ein hektischer Bass im Wechsel mit verspielten Drums, die Stimme von Sänger Kerekes, die mal lakonisch, mal nachdrücklich eine Geschichte von Unsicherheit, Verzweiflung und Schuld erzählt, gipfelnd in einem phantastischen Refrain...ein großartiger Einstieg.

"If I'm in vain then you, you must be too
Are we on our way back down?
Into delusion we will go to stare at a glimpse of hope
Make me more assured, to clean my wounds"

Der C-Teil erinnert gar durch seinen leichten Shoegaze-Charakter an die letzte Hundredth-Platte. Die Band hat übrigens auch eine Live-Version im Studio 4 aufgenommen und als Video veröffentlicht, das ihr hier findet.

"In The Middle Of It All" überrascht mit einem beinahe Queen-esquen mehrstimmigen Vocal-Intro, dem ein fast trockenes "I saw you were there!" aus dem Off entgegengestellt wird. Und dann folgt dieser flächige Refrain, der auch von Rivers Cuomo hätte geschrieben sein können. Simulierte Abtastfehler des CD-Player-Lasers, die den Hörer hektisch nach der Ursache zu suchen nötigen beenden die Harmonie - verstörend.

Der Titeltrack "As You Please" scheint ungefährlich, unauffällig und lethargisch, bis die Fuzzgitarren und ein hohes Zirpen den Hörer aber eines Besseren belehren. "Medicine" klingt wie der tongewordene Blick auf die leere Dose Prozac auf dem Nachttisch. Notleiden, Fluchtgesuche, Panik - nicht im Sinne einer unkontrollierten Eskalation, sondern eher einer emotionalen Ausweglosigkeit. "Ugly Luck" zieht das Tempo dann ein wenig an und hilft dem Hörer von den Knien hoch zurück in den Stand - um zu tanzen und mit Optimismus gen Horizont zu blicken. Eine Grundbetroffenheit bleibt, aber eine positive Gleichgültigkeit drängt sie immer wieder in ihre Ecke zurück.

Zu Beginn von "World" klingt Kerekes' Stimme, als befände er sich mit dem Hörer in einem spärlich möblierten Raum, zu ihm sprechend in einem privaten Dialog. Dem Kern seiner Aussage verleiht er schroff Ausdruck im fordernden Refrain, in dem eine Flanger-artige Backgroundstimme den zweiten Melodiepart übernimmt.
"Fever Days" konzentriert sich vorerst auf eine akustische Gitarrenlinie und die einfache verzerrte Basslinie, die zusammen mit den Drums den Einstieg in etwas Großes bereitet. Citizen verstehen es wahrhaftig, Spannung aufzubauen, mit Dynamik zu spielen und selten gute Refrains wie aus dem siebten Überraschungsei zu zaubern.

"Control" erinnert ein wenig an The Appleseed Cast, melancholische Abgeschlagenheit, zerbrochene und mühsam zusammengeklebte Hoffnung. "Discrete Routine" ist schleppend, beginnt wie eine abendliche Sommerbrise, die in ein vorherbstliches Unwetter umschlägt. "I Forgive No One" wird mit modulierter Stimme eröffnet, ein knarziger Bass, ein Double-Time Refrain mit Noise-lastigem Chorus. "You Are A Star"startet geheimnisvoll mit perkussivem Intro, das in den klaren Refrain überleitet, der im Laufes Stückes noch wächst und sich mit dramaturgisch starken Klang-Elementen angereichert vor dem Hörer aufrichtet, bis er selbst zum Outro wird.

"Flowerchild", die längste Nummer der Platte, beginnt akustisch und unschuldig. Der letzte Sommertag barfuß im Gras, die Halme zwischen den Zehen, ein Ausbruch an Emotionen, impulsiv und energetisch. Auch Kerekes' Stimme kratzt ungewohnt und überraschend, überschlägt sich beinahe. Eine verhaltenes Klavier steht der Akustikgitarre zur Verabschiedung zur Seite. Bis bald, Citizen. Hoffentlich bis ganz bald.

Fazit:
Mit "As You Please" liefern Citizen DEN Soundtrack für die Post-Sommerdepression. Fragil, emotional und melancholisch weckt dieses Album Erinnerungen an Momente, die vielleicht niemals stattgefunden haben. Es inspiriert und zeichnet Geschichten. Dieses Album transportiert akustisch nicht nur durch eine große Vielzahl an Sounds und Instrumenten ein ganzes Bilderbuch, das der Hörer erstmal (be)greifen lernen muss. Große Harmonien öffnen Türen und erleichtern den Zugang. Die Vielfalt der Songs, die emotionale Varianz, die immer wieder von einer subtilen Tristesse begleitet wird verleihen "As You Please" einen umfangreichen Charakter, der lange begeistern können wird.
Wem das neue Turnover-Album zu fröhlich war, aber nicht auf den Mix aus Emo, Indie und Alternative verzichten mag, der wird mit dem neuen Werk von Citizen sein dunkles Gegenstück finden.

Anspieltipps: Alles

Eigentlich wollte ich ja effizienter beim Schreiben von Reviews werden, aber das neue The Hirsch Effekt-Album "Eskapist" (Long Branch Records) hat es einfach verdient, mit einer besonderen Rezension bedacht zu werden. Das ganze Ding findet ihr bei Time For Metal bzw. nachfolgendem Link:

The Hirsch Effekt – Eskapist

1

Für Time For Metal habe ich mir das neue morgen erscheinende Werk der norwegischen Leprous vorgenommen und es war eine der besten Entscheidungen der letzten Monate. Großartige Songs voller Tiefgang, Melancholie, Kreativität und Epik.

Leprous – Malina

1

Wage War Deadweight

Artist: Wage War
Album: Deadweight
Erscheinungstermin: 04. August 2017
Label: Spinefarm Records
Gesamtlänge: 39:43 Min.
Link zur Band: https://www.facebook.com/wagewar/

PreOrders: z. B. via Impericon

Tracklist:

1. Two Years
2. Southbound
3. Don´t Let Me Fade Away
4. Stitch
5. Witness
6. Deadweight
7. Gravity
8. Never Enough
9. Indestructible
10. Disdain
11. My Grave Is Mine To Dig
12. Johnny Cash

2016 waren Wage War aus dem amerikanischen Ocala, Florida, der Heimatstadt von A Day To Remember noch mit The Amity Affliction auf Tour in unseren Breiten und haben nachdrücklich am Aufbau ihrer Fanbase gearbeitet. Nach "Blueprints" folgt am 04. August. mit "Deadweight" nun der Nachfolger zu einem Metalcore-Album, das leider vielerorts nur unter "ferner liefen" gehandelt wurde. Damals habe ich noch ein Interview mit der Band führen dürfen, das ihr hier nachlesen könnt.

Besetzungstechnisch warten Wage War am Mikro nicht unbedingt mit einer Überraschung auf, setzt man auf Growls durch Briton Bond und Cleans von Gitarrist Cody Quistad. Was auffällt, ist die Wucht und Aggression, mit der Bond sich Gehör verschafft - und dabei akzentuiert und verständlich schreit. Die Hälfte des Intros "Two Years" vergeht mit verhallten, atmoshpärischen Gitarren, um dann im zweiten Teil mit der Keule die Party einzuleiten. "Southbound" ist böse, rotzig und gemein. Überragend ist der Stakkato-gleiche melodische Gesang von Quistad im Refrain, der sich Bond widersetzt. Als Outro spendiert die Band der Nummer noch einen das frickelige Gitarrenpicking unterstützenden Club-Chor. "Don't Let Me Fade Away" setzt auf dasselbe Rezept und differenziert sich lediglich durch einen etwas eingängigeren, glatteren Refrain.

"This record was exceptionally hard to pick singles for because of how much time and work we put into making every song a great one. 'Don't Let Me Fade Away' was always a stand out from the beginning. It's all the elements that make up our band in one song, and in a perfected state. We're very excited for all that's ahead!”

Beinahe NuMetal-gleich geht es bei der 1. Single "Stitch" weiter. Rhythmische Shouts, disharmonische Läufe und Oberton-Gepiepse der Gitarren plus Breakdown-Gier ohne Cleans machen die Nummer zum Powersong jeder Sport-App. Mit "Witness" arbeiten sich Wage War (mehr hinterlistig als dauerhaft gemäßigt) an unsere jetzt bereits tauben Ohren heran und dialogartig wechseln sich Bond und Quistad an den Mikros ab. Sein Refrain und das beinahe Bring Me The Horizon-esque Outro sind zwar verhältnismäßig nette Fürsprecher des Songs, duellieren sich aber allzuhäufig mit Bonds Parts. Mit einem grandios klingenden Basslauf geht es in den Titeltrack "Deadweight". Melodie steht hier nicht im Vordergrund und wird nur minimalistisch zugelassen, dafür setzt man auf ordentlich Druck und knüpft wieder an NuMetal-Schemata erinnernde Beatkonstrukte an. Eigentlich dachte ich, daß das Architectsche "Blergh!" aus der Mode gekommen sei. Wage War scheißen drauf.

"Gravity" - ich erwähne es nur aus Gründen der Bildhaftigkeit - birgt durch seine verträglichen Gitarrenläufe, die hier die Plattform für stimmliche Melodiekonstrukte bilden einen vagen BMTH-Charakter. Etwas Imminence und in Bridge und Refrain kann Quistad zeigen, was seine 100% cleane Stimme denn alle so zu können vermag. Bonds Growls werden weit in den Hintergrund gerückt. Schön.

Aufgewacht! "Never Enough" knüppelt sich in Hochgeschwindigkeit in guter The Ghost Inside-Manier durch die Strophe, protzt mit Breakdowns und August Burns Red-artigen Gesangseinlagen. Für die Bollo-Kids gibt's dann auch noch einen satten Fuß-Schläfe-Part. "Indestructible" hält das Tempo aufrecht und ändert auch am konzeptionellen Aufbau "Growls in der Strophe - knappe Bridge - melodischer Halftime-Refrain - Breakdown-Brutalität" nicht viel.  "I miss the days when I felt indestructible" klagt Quistad. Bond beschwichtigt ihn aber mit "Even through the darkest nights, all hope is not lost" gen Ende der Nummer. Die Hoffnung stirbt halt zuletzt.

Mit dem 02:05 Min. knappen vorletzten Song "Disdain" bitten Wage War nochmal zum Tanze auf dem Rande des Vulkans. Slipknot-artige Doublebassattacken blasen auch die letzten Pollen von den Boxen. "My Grave Is Mine To Dig" blerght sich anschließend nochmal durch die Membranen und was vorher gut geklappt hat, ziehen die Jungs gern noch einmal durch. Strophenfrust, Refrainharmonie. Inhaltlich klingt das, was Bond und Quistad hier erzählen jedoch alles andere als glücklich. "If I could change myself I would, but I don't know where to begin" wecken gar Mutterinstinkte. Mit dem letzten Song "Johnny Cash" verkündet Quistad, dem Hörer nun eine Geschichte zum Besten zu geben. Es geht um Liebeskummer, um Verlust und eigene schicksalhafte Fehler, die im atmosphärischsten Stück der Platte gut verpackt in vielerlei Facetten der menschlichen Gefühlspalette akustisch aufbereitet ihren Weg ins Ohr des Hörers finden.

Fazit:

Wage War haben mit "Deadweight" ein ordentliches Brett abgeliefert, das knarrzt und knackt und an den Kanten nicht zu glattgeschliffen ist und der Gefahr trotzt, in Regenbogeneinhorn-Metalcore abzuknicken. Mit Songs wie "Gravity" vermag die Band Kontraste zu setzen und scheut sich dadurch eben nicht, auch ihre Qualitäten abseits der Breakdown-Täler zu präsentieren. Daß man aber eben nicht dem Trend der Verweichlichung im modernen Metal folgt, stellen sie andernorts ausgiebig klar. Hier geht's nicht um Sonntagskaffee bei der Schwiegermutter, sondern um eine gepflegte Bierzeltprügelei mit dem Schwiegervater. "Southbound", "Don't Let Me Fade Away" und "Disdain" gehören für mich klar zu den Favoriten der Platte. Fans von Kingdom Of Giants oder In Hearts Wake werden mit "Deadweight" definitiv ihren Spaß haben. Und auch Fans von gepflegtem NuMetal könnte es dazu verleiten, hier und da mit dem Zeh zu wippen.

1

Dayseeker DREAMING IS SINKING WAKING IS RISING

Artist: Dayseeker
Album: Dreaming Is Sinking // Waking Is Rising
Erscheinungstermin: 14. Juli 2017
Label: Spinefarm Records
Gesamtlänge: 44:49 Min.
Link zur Band: http://www.dayseekerband.com/

Tracklist:

1. Dreaming Is Sinking
2. Vultures
3. Cold, Dark Winter
4. Abandon
5. Sleep In The Sea pt. II
6. Six Feet Under
7. Hanging By A Thread
8. Desolate
9. Carved From Stone
10. Come Hell Or High Water
11. Counterpart
12. Waking Is Rising

Dayseeker gelten hierzulande noch als massiv unterbewertet - und das vollkommen zu Unrecht. Was einst mit ein paar Songs via Youtube begann, hat sich zu einer respektablen Band gewandelt, die bis dato zwei beachtliche Alben veröffentlicht hat. In ihren Reihen allen voran Ausnahmesänger Rory Rodriguez, der wie z. B. Garret Rapp von The Color Morale eine wunderschöne Stimmfarbe mitbringt und sowohl in den Growls und Screams wie auch den Cleans 100% überzeugen kann, unfassbar viel Gefühl und Variation präsentiert.

Dayseeker
Dayseeker 2017, Photo-Credit: Kolby Schnelli

"Dreaming Is Sinking // Waking Is Rising" ist das nunmehr dritte Album der Band aus Orange County und es gilt, die Qualität der Vorgänger zu erreichen oder besser noch, zu überragen. Die Band erklärte, daß hinter der Scheibe ein semifiktionales Gesamtkonzept steht, nachdem die Vorgänger-Alben eher autobiographisch angesetzt waren. Die Geschichte baut auf den Erfahrungen Rorys mit dem Koma einer Ex-Freundin, Alex Garlands Buch "The Coma" und Boys Night Outs 2005er Konzeptalbum "Trainwreck" auf.

Los geht's mit dem Intro "Dreaming Is Sinking", das mit seinen 44 Sekunden als Einleitung zur ersten Single "Vultures" zu verstehen ist. Jene angesprochene Single nun ist auch bereits, ohne den anderen Songs ihre Qualität absprechen zu wollen, für mich persönlich das Herzstück der Platte. Vielleicht liegt es auch daran, daß ich den Song bereits vielleicht 50x gehört habe. Architects-gleiche Riffs und ein Refrain, der einfach herausragend ist zeichnen die Nummer aus. Die Produktion ist sauber, differenziert und detailverliebt. Wo "What It Means To Be Defeated" damals noch ziemlich dumpf klang und die Qualität bereits auf "Origin" deutlich zunahm, brillieren hier alle Instrumente in einer großartigen Abmischung. Daß Rory seine Texte lebt, zeigt sich besonders im Outro, in welchem er mit brechender Stimme die Geschichte einer der Personen der Geschichte reflektiert. Gänsehaut.

Weiter geht's mit "Cold, Dark Winter", das von Tragödie, Trauer und Haltlosigkeit erzählt und durch einen phantastischen Refrain besticht. Die zweite Single "Abandon" startet schroff und wandelt sich mit Klavierbegleitung dann wieder zu einer hochmelodiösen Komposition mit bösem Breakdown am Ende. Zur dritten Single "Sleep In The Sea Pt.2" hat man sich Garrett Russell von Silent Planet als stimmliche Unterstützung geholt. Beide Sänger harmonieren hervorragend, was sich aber auch nur in den Growl-Parts widerspiegelt. Die Melodiearbeit obliegt weiterhin Rory. Silent Planet waren übrigens so nett, der Band ihr Facebook-Profil zu Promozwecken zu überlassen, nachdem ein Witzbold ausgerechnet in der Woche vor Veröffentlichung das Profil von Dayseeker gehijacked hat und seitdem belanglosen Unsinn postet.

"Six Feet Under" drückt aufs Gaspedal. Der Strophenpart, der auch Fans von Issues ansprechen könnte hat einen schönen R 'n' B-Charakter, während Refrain und Strophe mit verspielten Gitarrenriffs trumpfen. "Hanging By A Thread" ist die vielleicht verhaltenste Nummer der Platte und gilt mit knapp zwei Minuten eher als Interlude oder Reflektion der Hauptfigur der Geschichte. "Desolate" ist für technisch und rhythmisch interessierte Fans sicher eine der Anlaufstationen des Albums, denn neben atmosphärischen Parts gibt es hier dicke Gitarrenwände und versiertes Picking.

"Carved From Stone" besitzt den vielleicht höchsten Pop-Appeal der Produktion und gleichzeitig die größte Zerbrechlichkeit. "You can't just leave. Not making after all these memories" leidet Rory hier glaubwürdig. "Come Hell Or High Water" ist wie "Cold, Dark Winter" ein satter Melodic Hardcore-Song mit einer feinen Spur Soul in den Melodien. Breakdowns stehen im Kontrast zum treibenden Refrain. "This coma is a prison" klagt Rory, bevor es in einen bedrohlich wirkenden Endpart geht. "Counterpart", das vorletzte Stück der Platte folgt dann wieder der Zurückhaltung von "Carved From Stone" und der Fokus liegt ganz klar auf Rorys Worten. Und gerade, wenn man meint, die konstante Ruhe des Songs endet in absoluter Stille, folgt eine überraschende Wende.

Mit dem letzten Song "Waking Is Rising" wird der Titel der Platte komplettiert. Rory singt "At my funeral they will read 'Dreaming is sinking, waking is rising.'" und beschließt damit die Geschichte des Mannes, der in ein Koma gefallen ist und sich während des Kampfes, dem mentalen Gefängnis zu entfliehen selbst findet. Für die extra Portion Dramatik hat die Band noch ein elektronisch-unterstütztes Breakdown-Riff als Outro eingebaut. Nicht so stark wie die ersten zwei, drei Songs, aber ein würdiges Ende eines tollen Albums, dem Josh Schroeder (King 810, The Plot In You, Battlecross) einen mehr als satten und klaren Sound verpasst hat.

Fazit:

"Dreaming Is Sinking // Waking Is Rising" ist Dayseekers vielleicht stärkstes Album, ohne hier in Marketingsfloskeln zu ersaufen. Die Platte ist intensiv, tief (auch die runtergestimmten Gitarren tragen ihren Teil dazu bei, eine gewisse Atmosphäre und Fläche zu erzielen), persönlich, emotional und charakterstark. Es gibt einfach wenige, die aktuell im modernen Metal Sängern wie Rory das Wasser reichen können. Das Songwriting ist solide, durchdacht, die Instrumentalisten überzeugen in jeder Note und neben Clubhit-Potential geht auch die Idee des Konzepts, das eben nicht nur mit catchy Singalongs umzusetzen wäre nicht verloren und findet ihre Bestimmung in den Interludes, den Monologen des Protagonisten, die mal lauter, mal leiser ausfallen. Unbedingte Hörempfehlung für alle, die kreativen und eigenständigen Metalcore mögen, der sich nicht davor scheut, populäre Melodien mit klassischen Growls zu kombinieren.

Artist: Camorra
Album: Mourning, Resistance, Celebration
Erscheinungstermin: 14. Juli 2017
Label: Arctic Rodeo Recordings
Link zur Band: http://arcticrodeorecordings.com/?page_id=3552

Tracklist:

  1. Between the World and Me
  2. Roosevelt Champion III
  3. Parting Friends
  4. Black White Girl Boy
  5. Love and Economics

Camorra (ich berichtete) ist das Projekt um J Robbins (Jawbox, Burning Airlines, Channels und weitere), Jonah Matranga (FAR, New End Original, Onelinedrawing, Gratitude) und Zach Barocas (Jawbox, Bells≥). In Zusammenarbeit mit Janet Morgan (Channels) und Mitgliedern von War On Women und The Pauses hat das Trio nun seine erste EP aufgenommen, die am 14. Juli über das deutsche Label Arctic Rodeo Recordings (u. a. Rocky Votolato, Able Baker Fox) veröffentlicht wird.

Fünf Songs haben die Herrschaften nun kreiert und mit "Mourning, Resistance, Celebration" ein Zuhause gegeben.

Atmosphärisch und stimmungsvoll geht es los mit "Between The World And Me", das langsam einfadet. Ein jazziges Schlagzeug mit verschobener Eins, untermauert von einem durchgehenden Basslauf und flächiger Orgelbegleitung bilden den Teppich für Matranga, der stimmlich zurückhaltend und zerbrechlich mit Wehmut feine Melodien mit uns teilt. Ergänzt wird das Stück durch einen "Sound of Silence"-artigen Akustikgitarrenlauf und findet sein Klimax in beinahe Folk-artigen Slide- und Bending-Gitarrenmelodien. Ein wahrlich stimmungsvoller Einstieg in die leider recht kurze EP.

"Roosevelt Champion III", die erste Single der Scheibe, zeichnet sich durch einen ähnlichen instrumentalen Aufbau aus. Zum Refrain hin gibt Matranga aber dann Druck auf die Stimme und ein wenig FAR klingt im Kratzen seiner Stimmbänder mit. Der Song lebt klar von der Schlagzeugarbeit Barocas', wenngleich sich Bassist J Robbins mit angezerrtem Klang ebenfalls Gehör verschaffen will.

"Parting Friends" ist überraschend und extrem reduziert. Melodiös wie auch rhythmisch lehnt sich der Song an ursprüngliche irische (oder nordische) Folklore an (den Herr der Ringe-Vergleich hätte ich euch gerne erspart, hilft aber vielleicht, einen Eindruck dessen zu erhalten) und Matranga singt im Duett bzw. mit weiblicher Unterstützung zweistimmig mit Janet Morgan. Lediglich das maximal natürlich klingende Drumkit darf sich zum Duo gesellen und den beinahe marschartigen Track unterstützen.

Das beinahe 80s Wave lastige "Black White Girl Boy" lebt wieder von der Symbiose Drums und Bass. Die Gitarre darf nur verhalten mitklingen nebst Teppich gebender Orgel. "Black. White. Girl. Boy. Fuck. Fight. Fear. Joy." ächzt Matranga, während er die Geschichte einer Auseinandersetzung zu erzählen scheint, die in einer emotionalen Frustration endet.

Den Abschluss bildet "Love And Economics", das wieder mit einem prägnanten Basslauf beginnt, dessen Sound irgendwo zwischen Tool und dem Grunge der 90er liegt (und ich spreche bzw. schreibe hier eher von Bands wie Mad Season oder Alice In Chains). Im erwarteten Zwischenteil experimentiert die Band gesanglich interessant mit Mehrstimmigkeit, der sich dann aber auch gleichzeitig zum Outro wandelt und langsam ausfadet. Es endet also, wie es begann.

Fazit:
Trotz der vielen Beteiligten haben Camorra es geschafft, eine stimmige und schöne erste EP vorzulegen. Während man sonst vielleicht auch mal zuviel Matranga gehabt haben könnte in seinen unzähligen Projekten, so steht der FAR-Sänger hier nicht im Mittelpunkt, sondern Gleichberechtigung gibt den Ton an und auch Janet Morgan der Channels ist auf "Parting Friends" alles andere als unterrepräsentiert. Die Scheibe klingt natürlich, schlicht und dennoch gut produziert. Keine großen Effekte, kein Brimbamborium. Möchte man das Ganze als Genre klassifizieren, so ist dies alleine schon durch "Parting Friends" kaum möglich. Nennt es Emo, nennt es Indie, nennt es Musik. Für Fans von Onelinedrawing (ohne Matranga-Referenz geht es dann auch nicht) oder Death Cab For Cutie ist "Mourning, Resistance, Celebration" definitiv unumgänglich.

Zu kaufen gibt es die Platte übrigens neben der MP3-Fassung auch als 10" Vinyl in Rot oder Türkis - und das streng limitiert. Wo genau ihr die Scheibe bekommt, findet ihr hier beim Label direkt.

Als ersten Eindruck, was euch erwartet, bietet "Roosevelt Champion III" einen ganz guten Überblick, wenngleich jeder Song seine Besonderheiten besitzt.

Hell Or Highwater Vista
Artist: Hell Or Highwater
Album: Vista
Erscheinungstermin: 19. Mai 2017
Label: Search & Destroy / Spinefarm
Gesamtlänge: 41:56 Min.
Link zur Band: https://www.facebook.com/HellorHighwaterofficial/

"Eine große Tüte amerikanischen Pathos bitte"

Am 19. Mai ist das neue Album von Hell Or Highwater erschienen, bei dem niemand geringeres am Mikro steht als Brandon Saller, Drummer und Sänger von Atreyu. Seit 2011 macht er zusammen mit Kyle Rosa (Drums), Joey Bradford (Gitarre), Jon Hoover (Gitarre) und Nick Maldonado (Bass/Synth) Musik. 2011 gab's das erste Album "Begin Again" und 2013 die EP "The Other Side" und Saller hat sich dem kernigen amerikanischen Rock verschrieben, mal modern, mal klassisch.

Hell Or Highwater

Vorab gab's aus dem 12 Songs starken "Vista" als Hörprobe u. a. "I Want It All". Los geht es aber mit "Walk Out In The Rain", das sich durch eine rhythmisch-akzentuierte Strophe über eine Minibridge in einen treibenden Refrain schiebt und auf chorale Unterstützung in Refrain und Break setzt. Nach der erwähnten Single folgt "Dame", das geshuffled und mit jazziger Melodieführung sowie hintergründigen Trompeten daherkommt. Ja, in der Tat werden hier Blechbläser eingesetzt. "Revolution" hätte gar von EditorsTom Smith mitgeschrieben sein können, so (atmo)sphärisch kommt die Nummer daher mit klarem Fokus auf die gesanglichen Qualitäten Sallers.

Beim simplen Rocksong "Washed Away" mit Mitsing-Refrain entdeckt man gar mit ein wenig Phantasie Thrice oder die Beatsteaks. Bei "Pieces" hört man aufgrund des Pop-Appeals und der Vocal-Arbeit gar etwas Set It Off-Einfluss heraus. Anschließend erhöht die Band das Tempo ein wenig und liefert mit dem treibenden "Colors" mit Stadionrock-Chor eine solide Rock-Nummer, bei dem man auch deutlich hört, was Saller sonst bei Atreyu (in den späteren Phasen) so treibt. "Don't Hate Me" ist ein unspektakulärer Modern American Rock-Song, der kompositorisch keine großen Besonderheiten vorweisen kann, aber durch Sallers Stimme und dessen Melodieführung leicht ins Ohr geht und seinen ganz eigenen Charakter beweist und dessen Mini-Gitarrensolo ihm noch ein wenig Eigenständigkeit hinzufügt. Das Palm Mute-Gitarrenstück "Lighter Than Air" verleitet Saller zu Kopfstimmenrefrain und auch der maximal knarrzige Bass als Strophenthema nebst Surfgitarren-Sounds machen den Song zu einem der ungewöhnlichsten der Platte.

"Another Good Time" hätte auch aus der Feder von Fall Out Boys Patrick Stump stammen können. Der Song kommt mit Muse-ähnlichen Auftakten, reduziertem Gitarreneinsatz und Whohooo-Kopfstimmenrefrain, Schellenkranz und prägnantem Beat, der zum Mitwippen einlädt. Das mitreißende "Don't Stop. Get Up" bringt dann das Tempo zurück und auch hier finden sich wieder Whohooo-Chöre im Offbeat-Refrain. Mit "Blister" leitet die Band das emotionale Finale der Platte ein. Über 04:25 Min. preist Saller das Leben und mit ein wenig Theatralik und Pathos intonieren Hell Or Highwater hier einen schönen und eingängigen Rocksong, der das Potential hätte, Stone Sours "Through The Glass" als Rausschmeißer in den einschlägigen Clubs abzulösen. Jetzt schmeißt er aber erstmal den Hörer aus der Platte.

Fazit:
Hell Or Highwater präsentieren mit "Vista" eine runde und abwechslungsreiche Platte, die mit großen Melodien und einer dicken Tüte Pathos aufwartet. Früher hätte man große Teile des Albums vielleicht als "New Rock" bezeichnet, möchte man es denn kategorisieren. Saller & Co. reichern ihren Sound um weitere klassische amerikanische Musikelemente, Instrumente und Stilmittel an und sprechen hiermit sowohl den geneigten Black Stone Cherry- oder Alter Bridge-Fan wie auch Fans populärerer Stilarten des Rock und sogar Indie an. Ein bißchen weniger "folkloristischer" oder "musikpatriotischer" Grundtenor hätte der Platte unter Umständen gutgetan. Bilder, die mir beim Hören der Scheibe in den Kopf kommen: Bullenreiten begleitet von Blondinen in Hotpants, Nascar Rennen, Flugshows mit Militärjets, dosenstechende Football-Fans, College-Schüler-Roadtrips, große amerikanische Open Air Festivals. Aber Musik wirkt ja auf jeden anders.