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Artist: Satanic Surfers
Album: Back From Hell
Erscheinungstermin: 13. April 2018
Label: Regain Records
Gesamtlänge: 30:21 Min.

Tracklist:

1. The Usurper
2. Catch My Breath
3. Self-Medication
4. All Gone To Shit
5. Ain't No Ripper
6. Madhouse
7. Going Nowhere Fast
8. Paying Tribute
9. Pato Loco
10. Back From Hell

Da liegt sie also vor mir bzw. habe ich sie im Player, die neue Satanic Surfers mit dem bedeutungsschwangeren Titel "Back From Hell". 13 Jahre war es still um Rodrigo Alfaro & Co., zwischenzeitlich am Mikro bei Venerea und Atlas Losing Grip und zwei EPs und zwei großartige Alben später mit letztgenannter Band geht's zurück zu den Ursprüngen. Gegründet 1989 gehören Satanic Surfers zum alten Eisen der schwedischen Melodycore/Skatepunk-Szene.

Mit "Back From Hell", das am 13. April via Regain Records erscheinen wird wollen die fünf Musiker beweisen, daß sie zwar ein paar Jahre auf dem Buckel, aber noch lange nichts verlernt haben.

Los geht's mit "The Usurper", was übersetzt ungefähr soviel heißt wie Eindringling oder Thronräuber. Und der Opener hat bereits alles, was eine gute Punkrock-Nummer braucht. Treibende Uptempo-Parts, clevere rhythmische Spirenzchen (die mich teilweise an All-Zeiten erinnern), ein kleines Gitarrensolo, Highspeed-Drums mit Snaredrumkessel-Percussion-Einlage, wilde Bassläufe, Gangshouts, top Gesangsmelodien. Puh, verstanden, Satanic Surfers are back.

"Catch My Breath" zieht das Tempo nochmals an. Die Metal-Gitarrenparts könnten glatt von Fletcher (Pennywise) stammen.

"Self-Medication" mit seinen verschobenen Betonungen und dem Ooooozin' Aaaah-Refrain rezitiert den klassischen Punkrock, der das Genre Anfang/Mitte der 90er in die breite Masse katapultiert hat.

"All Gone To Shit" bedeutet nicht, daß alle das stille Örtchen aufgesucht haben, sondern reflektiert Rodrigos Frust über...die Musikindustrie? Von Blaupausen ist da die Rede, von schwachem Selbstbewusstsein, von überraschungsbefreitem Einheitsbrei. Nach beinahe melancholischem Bassintro gibt's dann aber wieder auf die Zwölf. "Ain't No Ripper" ist mit 01:52 Min. der direkteste Song der Platte und überzeugt mit Oldschool-Vibes. "Madhouse" prangert die Führung der amerikanischen Politik an und nutzt als Überraschungselement den bekannten rhythmischen Teil von "Who Let The Dogs Out", während die Nummer zur Mitte mit Doppelgitarren-Riff und beschwingtem Shuffle-Part auflockert.

"Going Nowhere Fast" ist das, was Teil des Titels ist: schnell. Wahwah-Gitarrensolo und Hochgeschwindigkeitsdrumming...Party like it's 1999! "Paying Tribute" kommt Bad Religion-gleich daher, ja wären da nicht die anspruchsvollen Betonungen, Metalgitarren oder das Bass-"Solo". "It's just too much Scooby Doo" ist eine Textzeile, die so schnell nerven kann, wie sie zum Mitsingen anregt.
Bei "Pato Loco" stelle man sich im Intro Rodrigo vor, auf der Bühne stehend, die Metalkralle gen Vollmond reckend mit pathetisch-verzerrtem Gesicht. Das anschließende Riff groovt, wie Punkrock grooven kann. Die eher stilitisch denn inhaltlich genutzten Vocals im Hintergrund sind dann auch der einzige gesangliche Bestandteil der sonst eher als instrumental zu bezeichnenden Nummer.

Mit dem Titeltrack "Back From Hell" geht's dann "langsam" dem Ende zu. Aus der hibbeligen Strophe leitet die Nummer in eine straighte Bridge, die wiederrum von einem hakeligen Refrain gestoppt wird. Der C-Teil ruft dann akustisch wieder zum gemeinsamen Schunkeln auf.

Fazit:

Mit "Back Grom Hell" haben die Satanic Surfers bewiesen, daß sie weder müde noch uninspiriert sind. Auch wenn die Platte komplett von Rodrigo geschrieben wurde, so dient es sicherlich der Homogenität, macht sie aber weder langweilig noch hat man das Gefühl, der Rest der Bande wäre nur Aushilfskraft. Bei all den rhythmischen Frickeleien fällt es nicht so leicht, Hits wie "Armless Skater" zu identifizieren, aber wann bekommt man mal die Chance, ein Punkrock-Platte in Händen zu halten, die nicht zwingend beim ersten Durchgang im Ohr bleibt und dann aber auch beim zweiten schon langweilt?! Daß Punrock wieder en vogue ist hat seine Berechtigung und die Satanic Surfers verdienen ihr Stück vom Kuchen, besonders, weil sie verglichen mit so mancher Nachwuchskapelle eine herausragende technische Fertigkeit an den Tag legen.

Im April, Mai und Winter könnt ihr euch auch live vom neuen Album überzeugen:

30.04. - Hannover, Lux (ausverkauft)
05.05. - München, Backstage
31.10. - Kiel, Die Pumpe
01.11. - Berlin, SO36
02.11. - Köln, Helios37
03.11. - Frankfurt, Das Bett
04.11. - Hamburg, Knust

Anspieltipps:

The Usurper, Going Nowhere Fast, Catch My Breath

The Wonder years Sister Cities

Artist: The Wonder Years
Album: Sister Cities
Erscheinungstermin: 06. April 2018
Label: Hopeless Records
Gesamtlänge: 43:36 Min.
Link zur Band: http://thewonderyearsband.com/

Tracklist:

1. Raining In Kyoto
2. Pyramids of Salt
3. It Must Get Lonely
4. Sister Cities
5. Flowers Where Your Face Should Be
6. Heaven's Gate (Sad & Sober)
7. We Look Like Lightning
8. The Ghosts Of Right Now
9. When The Blue Finally Came
10. The Orange Grove
11. The Ocean Grew Hands To Hold Me

Drei Jahre nach "No Closer To Heaven" sind The Wonder Years mit "Sister Cities" zurück. Und für den Schaffensprozess hat die Band einen strukturierten aber ungewöhnlichen Ansatz ausgewählt.

"It started with journals and photos. We started by documenting. We didn't know where it would go or if it would go anywhere at all but we wrote it all down. We took photos of everything. And then when it came to put it altogether, we had this catalog of how we felt and what it looked like and sounded like and we built from there. Figuring out what the moments were that stayed with me the most. When did I feel most connected to the people around me and why? What did being in this place during this moment teach me? It was a difficult year personally and globally and we experienced that through this lens of being everywhere but home, kind of floating through places and seeing how being there altered our perspective." - Dan Campbell (Vocals)

Irgendwie im Pop-Punk-Genre beheimatet, aber doch irgendwie anders als andere sind The Wonder Years ein kleiner Lichtblick im Drei-Akkorde-Universum aus Converse All Stars, Bonanza-Fahrrad und Miniramp im heimischen Garten.

Mit "Raining In Kyoto" starten The Wonder Years mit uns also ihre Reise - und ohne zuviel zu verraten - es wird eine weite. Was so verhalten beginnt bricht kurz später in einen emotionalen Refrain, dessen Intensität nur noch vom Zwischenteil übertroffen wird. Sänger Dan Campbell spielt seine Range hier komplett aus, von verhaltenen Passagen mit leichtem Gekiekse bis zu kratzigen Ausbrüchen.
Mit "Pyramids Of Salt" bringt die Band ungewöhnlich früh eine eher balladenhafte Nummer. Was für eine Strophe. Der gefühlvolle Text wird perfekt durch die zerbrechliche Stimme von Campbell interpretiert, die nicht selten kurz davor ist, zu kippen. Und dann ist da diese Akkordvariation bei Minute 2. Wer da keine Gäsenhaut bekommt ist ein Salzkorn.

"I Must Get Lonely" greift einen ähnlichen Charakter auf, orientiert sich aber eher am frühen 90er Jahre Alternative Rock der Marke Buffalo Tom - plus dynamischem Outro. Der Titeltrack "Sister Cities" ist unbestreitbar der Hit der Platte, schlägt er doch eine ähnliche Kerbe wie einst "Cardinals". Tanzbar, Mitsing-Charakter, treibend, Offbeat Disco-HiHat, Punkrock Gitarrenthema. Ein hervorrangend eingearbeiteter Zwischenteil lockert das Konstrukt und schafft Raum für den "Bäm!"-Moment.

Wem hiernach Füße und Stimmbänder schmerzen, der findet in "Flowers Where Your Face Should Be" Erholung. Die lupenreine Ballade mit Streichervariationen und beinahe Schlaflied-Qualitäten trägt den Hörer durch ein glockenklanggleiches Himmelreich, wäre da nicht der knarrzende Bass, die hektische Hihat und Campbells Stimme, die sich trotz aller Zurückhaltung auch einfach mal Luft verschaffen muss. Aufgewacht. Mit "Heaven's Gate (Sad & Sober)" ist Schluss mit harmonischem Friede, Freude, Eierkuchen-Einerlei. Der Song ist auch einer der eher schwerer zugänglicheren der Platte. Nicht, weil ihm Melodie oder Hooks fehlen, jedoch verlangt er nach deutlich mehr Aufmerksamkeit beim Hörer. Der anschließende "We Look Like Lightning" greift wieder das melancholische Konzept auf. Ein wunderbarer Refrain, der in der Folge auch noch an Dynamik und Ausdruck gewinnt, klagend und nachdrücklich.

"The Ghosts Of Right Now" verzichtet auf eine freundliche Einleitung und kommt umgehend auf den Punkt. Und da bleibt der Song auch. Druckvolle Komposition ohne echte Erholungsmomente. "When The Blue Finally Came" öffnet erneut das Kapitel der Melancholie. Reduzierte Instrumentierung, Sänger Campbell steht bildlich gesprochen in der Mitte der Bühne, umringt von Dunkelheit und nur angestrahlt von einem blauweißen Spot, über 02:11 Minuten seine Geschichte erzählend. Schön. Einfach. Und einfach schön. "The Orange Grove" wendet das Blatt und bringt mit seinem Halftime-Refrain den Kopfnicker-Moment. Kurz vor Schluss setzt die Band wie zu Beginn der Platte auf eine gesunde Mischung aus Zurückhaltung und Deutlichkeit.

Am Ende des Werks angekommen beschließen The Wonder Years mit "The Ocean Grew Hands To Hold Me" über 06:15 Minuten - dem längsten Song der Scheibe - ihre Reise durch die vielfältigen Ebenen der Gefühlswelten. Eingangs schwermütig und träge, flächig getragen durch diverse Instrumententypen eines Streicher-Orchesters bricht der Song wie eine Welle aus Crunch-Gitarren zum Ende hin über den Hörer zusammen, befreiend, Unschuld wiederbringend - und verstummt wie eine durch eine plötzliche Böe erlischende Kerze in tiefschwarzer Nacht.

Fazit:

Mit "Sister Cities" haben The Wonder Years ein hervorrangendes und vielfältiges Album vorgelegt. Gespickt mit Dynamik, Melancholie, Energie und Spielfreude kommt hier so schnell keine Langeweile auf. Ich möchte nicht sagen, die Band sei erwachsen geworden, da dies' i.d.R. einhergeht mit fadem Songwriting, langweiligen und uninspirierten Kompositionen. Mit der aktuellen Platte aber entfernt sich die Band deutlich vom Pop-Punk und setzt auf Facettenreichtum, was sich rhythmisch ebenso wie gesanglich widerspiegelt.

Ein wenig gewöhnunsbedürftig ist, daß sie meist eine krachendere Nummer bringen, die Härchen im Ohr gerade hellhörig werden und im nächsten Song bereits wieder müde den Kopf neigen (dürfen). Wenn eine Hälfte der Platte aus eher ruhigeren Songs besteht, die andere straighter nach vorne flüchtet, ist es vermeintlich schwerm eine sinnvolle Balance zu finden - zugegeben.

Alles in allem ist "Sister Cities" ein sehr gutes Album, das dem Genre, seien es Pop-Punk, Emo, College-Rock oder Post-HC, frischen Wind ins müde Gesicht bläst.

Anspieltipps:

Pyramids Of Salt, Sister Cities, The Ocean Grew Hands To Hold Me

Artist: Crossfaith
Album: Wipeout
Erscheinungstermin: 26. Januar 2018
Label: UNFD
Gesamtlänge: 10:44 Min.
Link zur Band: http://www.crossfaith.jp/ 

Tracklist:

01. Wipeout
02. Inside The Flames
03. Vermillion Gold

Erst im August hatten Crossfaith ihre letzte EP "Freedom" veröffentlicht, auf der auch Rou Reynolds von Enter Shikari eine Gastauftritt hatte. Nun legt das Quintett aus Osaka mit seiner neuen 3-Track-EP "Wipeout" nach. Die Platte erscheint in Europa, Australien und UK über das australische Label UNFD sowie in Asien via Sony Music.

"'WIPEOUT' is about our future... No one can stop the future, so we chose to dive straight in. These new songs are the guide for where Crossfaith are going. 'Inside The Flames' is heavy and exciting, and 'Vermillion Gold' is super-fast and more technical. Japan is looking to the future. We will host the Olympic Games in 2020, which is the year that the legendary film AKIRA was set. Everyone cares about what’s coming next, and Crossfaith have decided to describe our music as images from the future. We want WIPEOUT to be the key to a new door in your mind." - Ken Koie (Vocals)

Der Titeltrack "Wipeout" wurde erst kurz vor Release der Platte als Musikvideo veröffentlicht und hat alles, was eine solide Electro-Metalcore-Nummer braucht. Eine fette Produktion, Synthies, Drive, ein tanzbares Tempo, ein subtiler Dubstep-Vibe mit modifizierter Stimme, aggressive Screams, eine cleane und gut mitsingbare Hook mit Populärmusik-Charakter.

"Inside The Flames" fängt dagegen schon etwas rotziger mit Oldschool-NuMetal-Zitaten an, bis der Song dann aber auch in den glatten Halftime-Refrain mit choralem "Ohohoooo"-Backgroundgesang umschwenkt. Dem entgegen setzt die Band dann aber wiederum einen etwas sperrigen Zwischenteil, der Break-lastig Frustration transportiert.

"Vermillion Gold" startet mit Streichorchester-Synthies, wie man sie u. a. von Betraying The Martyrs kennt und neben den teilweise Thrash Metal-lastigen Drums setzt die Band auf einen Trivium-esquen Doublebass-Refrain.

Fazit:

Eine ausgereifte Rezension bei nur drei Tracks zu schreiben ist eine Herausforderung. Man hat kaum Zeit, ein kreatives Konzept zu erkennen und einer musikalischen Linie folgen zu können. Die drei hier enthaltenen - zugegeben soliden - Songs sind in sich charakterlich alle recht unterschiedlich, ohne daß man das Gefühl hat, sie stammen nicht von derselben Band. Terufumi Tamano, der innerhalb der Band für das Programming zuständig ist scheint sich auf subtile elektronische Elemente zu beschränken und lässt dem Metalcore mit NuMetal- und Thrash-Einflüssen sehr viel Raum - und das wäre neben der glatten Produktion auch der einzige persönliche Kritikpunkt. Crossfaith schreiben sich "Electronia" auf die Fahnen, nutzen die Möglichkeiten jedoch sehr verhalten und auf typische Weise. Ein wenig mehr Mut, sich abzugrenzen und etwas auszuprobieren hätte der Platte vielleicht gutgetan. Wenn sie sich wünschen, daß die neue Platte der Schlüssel zu einer neuen Tür in unseren Gedanken ist, dann kann er auch ruhig mal hakeln und mit Gewalt herumgedreht werden. Nur so erinnert man sich an ihn.

Anspieltipps:

Bei drei Songs kann man sich ruhig alle Nummern anhören

3

Artist: Rolo Tomassi
Album: Time Will Die And Love Will Bury It
Erscheinungstermin: 02. März 2018
Label: Holy Roar Records
Gesamtlänge: 53:00 Min.
Link zur Band: http://www.rolotomassiband.com/

Tracklist:

01. Towards Dawn
02. Aftermath
03. Rituals
04. The Hollow Hour
05. Balancing The Dark
06. Alma Mater
07. A Flood Of Light
08. Whispers Among Us
09. Contretemps
10. Risen

"Time Will Die And Love Will Bury It" - Ein Albumtitel wie ein Gedicht. Und hierbei handelt es sich weder um einen Zufall noch eine Eigenschöpfung. Die Jazz/Math Core-Band mit Black und Post Metal-Affinität aus dem britischen Sheffield sah sich inspiriert durch einen Druck eines Freundes, dessen künstlerische Grundlage ein Zitat des Underground-Schriftstellers Richard Brautigan darstellt. Am 02. März erscheint also das 5. Studioalbum von Rolo Tomassi allgemein und das 2. auf Holy Roar Records. Was erwartet eure Ohren? 

Eine Traumsequenz. Das ist der erste Eindruck, den der Hörer bekommen kann, wenn "Time Will Die And Love Will Bury It" mit dem Opener "Towards Dawn" startet. Beinahe liebliche Synthesizer-Klänge und gesampelte Chöre leiten über 03:44 Minuten über in "Aftermath", der extrem melodiös und unschuldig, gar optimistisch anmutet. Die Melodiebögen von Sängerin/Shouterin Eva Spence fügen sich perfekt in die reduziert instrumentierte, rhythmisch auffällige Strophe, während sich die Gesamtheit aller Beteiligten im atmosphärischen, flächigen Refrain ins höchst Epische steigert.

Doch die Friedlichkeit ist trügerisch. "Rituals" holt den Hörer zurück in die Realität. Black Metal-Blastbeats, verzerrte Shouts und Growls, knarrzende Synthies, bei Rolo Tomassi stehen plötzlich alle Zeichen auf Angriff.

Am Boden liegend besänftigt das Intro zum anschließenden "The Hollow Hour" den Hörer ein wenig, untermalt von Vintage Hammond Orgel-Klängen...bis der Song ausholt und nachtritt. Aggressive Stakkato-Arbeit der Instrumente, harsche Vocals, keine Verschnaufpause. Und dann überrascht die Band mit einem melodiösen Part, in dem die cleane Stimme von Eva Spence kurzzeitig fein wehklagt. Schwenk zum Klavier lastigen Zwischenpart, der aber wieder die Ruhe vor dem Sturm verkörpert. Im Mix wurde Eva Spence der Charakter verliehen, als stünde sie im dialogischen aggressiven Disput mit sich selbst oder einer höheren Macht. Das epische Outro des Songs voller Wehmut, Schwermut und Zerrissenheit lässt es einem kalt den Rücken runterlaufen.

"Balancing The Dark" beginnt jazzig und behält seine rhythmische Komplexität auch nach dem ruhigen Intropart bei. Tom Pitts an den Drums weiß, was er tut und die Saiteninstrumente fügen sich ihm und seinen Akzentuierungen. Ein Donnergrollen gleicher Part kümmert sich zwischenzeitlich um die Magengrube des Hörers, bevor ein Orgel untermauerter Part einen der experimentellsten Songs der Platte beschließt.

"Alma Mater" macht ab Sekunde 1 keinen Hehl um seinen aggressiven Charakter. Rhythmisch vertrackt, versiert instrumentiert zieht der Song das Tempo an. Bis die Band auch ihm ein harmonisches Fremdwort für Pause gönnt.
"A Flood Of Light" erinnert mich nicht nur vom Titel an "Absence Of Light" der britischen Devil Sold His Soul. Brachiale Klangwände gepaart mit einsilbigen Shouts, ergänzt um zarte Melodielinien und Streicherarrangements, die in einem 80s beeinflussten Synthie-Part samt maximal verzerrtem Bass von Nathan Fairweather aufgehen...Flut trifft es ganz gut. Hier brechen über 08:20 Minuten wahrlich Klangwelten über den Hörer herein. Die Stimme von Eva Spence ist im Finale ein wahrer Gänsehaut-Garant. Einer der besten Songs der Platte.

Mit "Whispers Among Us" geht es wieder zurück in die Dunkelheit. Tiefe Growls, aggressives Picking der Gitarren, schwermütige, träge Riffs ziehen den Hörer in einen dunklen Strudel. Mit einem Moment der Befreiung, der an Kraft zunimmt beendet die Band diesen Teil des Albums. "Contretemps" besinnt sich auf die Friedlichkeit des Openers zurück, eine simple Klavierlinie, melancholisch, einsam. Zum zweiten Drittel des 08:16 Minuten langen Songs fährt Gitarrist Chris Cayford schwere Fuzz-Geschütze auf und schiebt mit einem kratzenden Teppich beiseite, was sich nicht wehren kann. Die Länge des Songs lässt vermuten, daß hier etwas Großes aufgebaut werden soll. Und so kommt es. Atmosphäre, Epik, Keyboarder James Spence untermalt dies' alles mit unschuldigen Synthie- und Orgel-Klängen, während ein scheinbar Tonart fremder Akkord im post-rockigen Klimax die Harmonie durchbricht und das mitleidende Herz aufschreckt. Ein beinahe sakraler Melodiegesang trägt den vorletzten Song, reduziert instrumentiert final zu Grabe.

Mit dem ruhigen "Risen" führen Rolo Tomassi die sakrale Art des Gesangs fort. Ein wenig erinnert mich die Melancholie der Gesamtkomposition gar an Melanie Wills' Stimme bei "Short Stories With Tragic Endings" von From Autumn To Ashes, wobei jene aber instrumental von den japanischen Mono begleitet würde. Nach 53:00 Min. ist es an der Zeit, daß jene sich zur ewigen Ruhe bettet und einen Abschied in Liebe erlebt. All die Erlebnisse, die Emotionen, die Stürme und Kämpfe finden einen harmonischen Schluss in Geborgenheit.

Vorbestellen könnt ihr das Album hier. Wem der Plattenspieler in der Bahn zu affig ist und wer keinen Bock auf Spotify & Co. hat, der wird das Album vmtl. auch am Releasetag hier bei Bandcamp finden. Die neue Platte stellt die Band ebenfalls auf Tour vor, darunter folgende Termine in oder von Deutschland aus erreichbar:

30.03.18 - Berlin - Musik & Frieden
31.03.18 - Hamburg - Headcrash
01.04.18 - Haarlem - Patronaat (NL)

Fazit:

Zugegeben hatte ich bis zu dieser Platte meine Probleme, den Zugang zur Band zu finden. Ein einziger kompletter Durchlauf der Scheibe hat aber ausgereicht, mich vollends zu begeistern. Die Kombination der fragilen Melodiestimme von Sängerin Eva Spence, der sie die verzerrten, teilweise gutturalen Screams und Shouts gegenüberstellt könnte kaum konträrer sein. Technische Finesse, ohne zu prahlen, ein Gespür für abwechslungsreiches Songwriting und den Sinn für die richtigen Momente, die ein guter Song benötigt, Rolo Tomassi schaffen es, mit einem homogenen Stilmix (so widersprüchlich es auch klingen mag) ein grandioses und rundes Album abzuliefern. "Time Will Die And Love Will Bury It" ist beileibe nichts für den Sonntagsspaziergang - außer man wandert vielleicht durch Ruinen vergangener Königreiche - und auch nichts für den Kochabend mit Freunden. Das Album ist etwas Intimes, etwas, das man alleine laut hören muss - von der ersten bis zur letzte Sekunde. Und danach ruft man seine/n besten Freund/in an und bedankt sich, sie/ihn zu haben. 

Anspieltipps:

Aftermath, A Flood Of Light, Contretemps

2

Artist: Tiny Moving Parts
Album: Swell
Erscheinungstermin: 26. Januar 2018
Label: Big Scary Monsters
Gesamtlänge: 31:58 Min.
Link zur Band: https://www.facebook.com/tinymovingparts/

Tracklist:

01. Applause
02. Smooth It Out
03. Feel Alive
04. Caution
05. Wildfire
06. Whale Watching
07. It's Too Cold Tonight
08. Malfunction
09. Wishbone
10. Warm Hand Splash

Im Winter 2017 sollten Tiny Moving Parts ursprünglich auf deutschen Bühnen als Support von Knuckle Puck zusammen mit Movements das hiesige Publikum begeistern, vermutlich auch bereits mit Songs des kommenden Albums "Swell", das am 26. Januar via Big Scary Monsters in Deutschland erscheint. Aber es kam anders und aus Respekt gegenüber der Entscheidung des Headliners soll die Absage der Tour hier nicht weiter thematisiert werden.

Damit es bis zum Release der Platte aber nicht gänzlich still um das Trio aus Minnesota bleibt, hat die Band Ende November die Single "Caution" veröffentlicht und erst kürzlich den Opener “Applause” nachgelegt. Zehn Tracks umfasst das vierte Album (unter Regie eines Labels) der Band, daß trotz der Minimalbesetzung einen unglaublich dichten und detaillierten Sound aufweist. Als großer DARTZ!-Fan (R.I.P.) trifft die Mischung aus Emo, poppigem Post-HC, Indie und Mathrock bei mir voll ins Schwarze.

Tiny Moving Parts ist eine Familienangelegenheit. Denn hinter dem Namen verbergen sich Dylan Mattheisen und seine beiden Cousins Matthew (Bass und Background-Gesang) und Billy Chavalier (Drums), die sich in der Junior High School als Band zusammengefunden haben. Nur ein gutes Jahr nach ihrem letzten Album "Celebrate", das erstmals auf Big Scary Monsters hierzulande erschien schicken die Drei also nun Ende Januar 2018 mit “Swell” die nächste Scheibe ins Rennen.

Los geht's mit "Applause", einem Song, der schon in den ersten Sekunden den Druck und die Energie der Platte widerspiegelt. Mattheisens Gitarrenarbeit ist sowohl verspielt wie auch straight, eben so, wie es für den Song im jeweiligen Moment am Besten passt. Die Melancholie und Wehmut, die schon auf "Celebrate" vorherrschten finden sich - und das merkt man bereits nach den ersten Takten - auch auf "Swell" wieder, verpackt in feine Melodien und persönliche Texte.

"Smooth It Out" beschreibt die Niedergeschlagenheit, die guten Ratschläge anderer und den Versuch, nicht zu stagnieren, sondern seinen Weg zu finden. Musikalisch setzt die Band hier neben der klassischen Besetzung zudem Synthie-Klänge ein, die den Song melodiös unterstützen. "Feel Alive" ist eine vertracktere Nummer, die mit allerlei instrumentenübergreifenden Breaks aufwartet, aber dennoch nicht ihre Lebhaftigkeit und ihren Drive verliert. Song Nummer 3 ist auch der erste jener, bei denen eine weitere Stimme die Musik mitformt. "I still miss you" singt jene Sängerin, die auch bereits auf “Celebrate” partizipierte zart und zerbrechlich, während Mattheisen seinen Gefühlen freien Lauf lässt und energisch wiederholt, was sie vorgibt. Trotz ausgiebiger Recherche konnte ich leider nicht herausfinden, um wen es sich bei der weiblichen Gaststimme handelt.

Die Single "Caution" führt weiter, was mit "Feel Alive" begann. "You are caffeine in my blood stream", singen Mattheisen und die weibliche Stimme bekenntnisvoll im Duett - ein Treueschwur.

"Wildfire" macht eine Kehrtwendung. Aus Vertrautheit und Zweisamkeit wird ein Trennungsstrich. Mit einer verspielten Gitarrenlinie (vor der das Album nur so strotzt) und hektischen Drums lässt Mattheisen eine Beziehung Revue passieren, unterbrochen von einem wehmütigen und zurückhaltenden Zwischenteil, alles final in einem endgültigen "I think you wish I'd pass in a crash" mündend. "Whale Watching", ein etwas seltsam anmutender Titel. Inhaltlich kämpft der Song mit dem Gefühl der Unzulänglichkeit, nicht zu reichen, melancholisch erneut durch Synthies untermalt. "I am the pont. You wanted an ocean." Spätestens jetzt zur Mitte der Platte ist man als Hörer im Strudel der Emotionen der Band vollends gefangen.

"It's Too Cold Tonight" ist die wohl deutlichste Bekundung der Zerrissenheit Mattheisens. Zeilen wie “I am meaningless, I serve no purpose” und der Ruf nach Hilfe, nach Halt werden ausnahmsweise nicht in bunten Wortspielen verpackt präsentiert, sondern dem Hörer eiskalt auf dem silbernen Tablett serviert. Und auch die fragile Stimme der unbekannten Sängerin findet erneut ihren Platz im 02:51 Minuten kurzen Song. Das anschließende “Malfunction” zieht das Tempo wieder an, jedoch das zerstörte Selbstbewusstsein, ver- und alleingelassen zu werden bleiben, wenngleich mit einer Mischung aus Frust, Bedauern und Unverständnis, verpackt in sowohl ruhigen Parts wie auch energiegeladenen Momente, die wie heiße Quellen zu explodieren drohen.

Mit "Wishbone" schlägt die Band epischere Töne an und setzt sogar gesanglich auf chorale Elemente, latent unterstützt durch einfache Klavierklänge. Die verspielte Gitarrenlinie der Strophe ist wieder einmal ein gutes Beispiel der Detailverliebtheit der Band, die sich nur mit einfach angeschlagenen Akkorden nicht zufrieden gibt, sondern gerne die extra Meile geht.

"Warm Hand Splash", die letzte Nummer auf “Swell” ist mit drei Minuten und 53 Sekunden dann auch wirklich der längste Song der Platte. Und wenn ich nach soviel aufwühlenden Momenten die gesamte Platte über noch richtig mitgezählt habe, wiederholt sich im Schlusssong kein einziger Teil. Erneut chorale Parts, eine herzzerreißende - nennen wir es - Refrainmelodie mit einfachen, zurückhaltenden Streichern, das Outro charakterisiert durch eine simple, aber effektive Trompetenmelodie...Tiny Moving Parts legen noch einmal alles, was sie haben in die Waagschale und mit soviel Last auf dem Herzen und soviel Spielfreude in den Fingern ist das einiges. “Could you please keep the light on for me?” Aber sicher doch. Wir möchten ja, daß ihr den Weg auf europäische Bühnen zurückfindet.

Fazit:

Mit “Swell” hat das Trio aus Minnesota ein cleveres, detailverliebtes kleines Meisterwerk geschaffen, denn nicht viele schaffen es, eingängige Melodien, einen organischen und authentischen Sound und crunchy Indie-/Emo-Kompositionen mit anspruchsvollen Mathrock-Elementen zu verknüpfen, ohne dabei konstruiert, klinisch oder seelenlos zu klingen.  Tiny Moving Parts setzen nicht auf die hundertprozentige Perfektion oder schieben Akzente einzelner Instrumente haarklein am Rechner übereinander, sondern lassen ihrer Musik den Charakter, das Leben, die Passion. Hat man der Band oft den Klamauk des Pop-Punks nachgesagt und sie mit Blink-182 verglichen, so mag hier maximal die Spielfreude ähnlich sein, aber die Versiertheit und Ernsthaftigkeit unterscheiden sich um Welten. Mattheisen ist ein Meister darin, Bilder mit Worten zu malen, Analogien zu entwickeln und damit offen zu kommunizieren, was ihm auf dem Herzen lastet. “Swell” braucht vielleicht für den ein oder anderen ein paar Durchgänge, bis sich seine Gesamtheit greifen lässt, aber dann wird man das Album auch nicht mehr los - und man will es auch nicht mehr hergeben. Schon jetzt eine der besten Platten 2018.

Anspieltipps:

Feel Alive, Caution, It's Too Cold Tonight

Kaufen könnt ihr die Platte direkt bei der Band oder beim Label.

1

Seaway Vacation

Artist: Seaway
Album: Vacation
Erscheinungstermin: 15. September 2017
Label: Pure Noise Records
Gesamtlänge: 38:52 Min.
Link zur Band: https://www.facebook.com/seawayband/

Tracklist:

1. Apartment
2. Neurotic
3. London
4. Lula On The Beach
5. Something Wonderful
6. Curse Me Out
7. Day Player
8. Misery In You
9. Scatter My Ashes Along the Coast, or Don’t (Featuring Caleb Shomo of Beartooth)
10. Car Seat Magazine
11. 40 Over
12. When I Hang Up

“The new music still sounds like Seaway. It’s got that party vibe, and it’s fun, but some of the songs are more mid-tempo. There are some more rock aspects influenced by bands we love like Weezer and Third Eye Blind. I felt like was just a matter of time before those influences came out. It’s pop punk at the end of the day."

Mit diesen Worten beschreibt Lead-Gitarrist Andrew Eichinger die Entwicklung des aktuellen Albums "Vacation" seiner Band Seaway aus dem kanadischen Ontario. Nach "Hoser" (2013) und "Colour Blind" (2015) hat das Quintett seit Mitte September als Album Nummer 3 auf dem Markt. An der (Pre)Produktion waren sage und schreibe vier Meister ihres Faches beteiligt, namentlich Derek Hoffman in Kanada, Alan Day (Four Year Strong) in Massachusetts und Mike Green (All Time Low, Sum 41, Pierce The Veil) in Los Angeles sowie Kyle Black (Senses Fail, Five Seconds of Summer). Eigentlich eine gute Basis, um ein Hit-Album zu schreiben. Oder vielleicht doch zuviele Köche?

Wie schreibt man ein Review über ein Pop-Punk-Album?
Gute Laune, Mitsing-Refrains, Tanzbarkeit, Twentysomething-Melancholie, sommerliche Unbeschwertheit...das sind die essentiellen Zutaten, die so mancher Platte des Genres zum Erfolg verholfen haben.

Seaway weisen auf einige der Zutaten zumindest schonmal plakativ mit ihrem Urlaubskoffer-Cover hin. Und mit dem Titel der neuen Scheibe "Vacation" ist die Sache dann auch glasklar. Hier werden diverse bekannte Städte der Welt besungen.
Los geht's mit "Appartment", einer feinen Ausrast-Nummer, die den ewigen Urlaub heraufbeschwört.

"Neurotic", in dem Amsterdam Erwähnung findet erinnert mit seinem College Punk-Flair an alte Nine Days- und Wheatus-Zeiten. Der Gangshout-Refrain ruft dem Hörer direkt das Bild der feierwütigen Partymeute am Pool der kalifornischen Vorstadtvilla vor Augen. Und wer schon das zehnte Bier drin hat, der kann immer noch "Nanana" mitsingen. "London" handelt von den Umzugsplänen der Protagonistin nach London, denen Sänger Ryan Locke aber aufgrund leerer Taschen nicht folgen kann. Vielleicht reicht auch ein Besuch vorerst aus, um die Stadt zu erleben.

"Lula On The Beach" klingt etwas kaugummizäh und Bubblegum-Punk-esque, wie es sein Titel vermuten lässt. Ein paar Weezer-Elemente hier und da, eine simple Melodie...Schlummerparty-Soundtrack.

"Something Wonderful" zieht dann wieder an und animiert zum Mitklatschen in der Strophe. Und auch eine Akustikgitarre bringt das gewisse Urlaubsfeeling in den C-Teil des Songs. An irgendeinen Song (vielleicht von einem American Pie-Soundtrack?) erinnert mich die Melodie im Refrain...

"Curse Me Out" setzt auf Melancholie und unschuldige Besessenheit. "Day Player" ist wieder ein beschwingter College Punkrock-Song ohne Ecken und Kanten. "Misery In You" lässt erstmal vermuten, daß hier der Spaß vorbei ist. Und in der Tat wird es emotionaler und tiefgründiger, thematisiert der Song doch die Depressionen der/des Protagonistin/Protagonisten. "Scatter My Ashes Along The Coast Or Don't" wartet mit dem klassischen Third Eye Blind-Feeling auf, hat sogar ein wenig was von Alkaline Trios Matt Skiba. "Car Seat Magazine" bleibt in der Punkrock-Schiene, lässt dem Hörer durch seine Alternative-Einflüsse auch mal ruhige Momente. "40 Over" ist die Punkrockballade des Albums, Sehnsucht, Bereuen. Mit "When I Hang Up" schließt dann "Vacation" nach 12 Songs und die Band reaktiviert den treibenden Pop-Punk ein letztes Mal mit einem schönen Wechselspiel der Stimmen von Rhythmus-Gitarrist Patrick Carleton, Andrew Eichinger und Ryan Locke.

Das Album im YT-Stream:

Fazit:
"Vacation" tut nicht weh, eckt nicht an. Seaway haben hier ein sorgloses Stück Musik aufgenommen, das dem geneigten Pop-Punk Fan sicher über weite Teile gefallen wird. Etwas mehr Authentizität und weniger "Happy Happy Joy Joy" hätten dem Gesamtbild vielleicht ganz gut zu Gesicht gestanden, für Tiefgang gesorgt, der ja nicht zwangsweise ins Übermelancholische oder harte Tristesse rutschen muss. Deshalb bleiben auch erinnerungsträchtige Hits wie sie alteingesessene Bands des Genres erzielen konnten eher aus. Hier und da bleiben Melodien und Textfragmente hängen und für den ein oder anderen wird die Platte sicher der persönliche Sommer- oder Urlaubssoundtrack. Mir persönlich fehlt etwas das Eigenständige und der Charakter, der sich auch in diesem tendenziell eher spielraumarmen Genre mit ein paar Feinheiten formen ließe.

Anspieltipps:
Scatter My Ashes, In Your Appartment , When I Hang Up

Ja, ja und nochmal ja! "Where The Mind Wants To Go / Where You Let It Go", das neue und heute erschienene Album von I The Mighty aus San Francisco lief bei mir in den letzten Tagen rauf und runter und neben der neuen Movements-Platte ist es eines der besten Werke der letzten Monate. Produziert wurde das Ding von Casey Bates (Portugal. The Man) und gemischt von Neal Aaron (Twenty One Pilots). Heute gibt's ausnahmsweise mal einen Release-Post zusammen mit einem Mini-Review, einfach, weil's mir unter den Nägeln brennt.

Über Rude Records (Equal Vision in den USA) erscheint die Scheibe hierzulande und hat auf 11 Songs verdammt viel zu bieten. Da wären die Singles "Silver Tongues" mit Tilian Pearson von Dance Gavin Dance, "Chaos In Motion" sowie der Quasi-Titeltrack "Where The Mind Wants To Go" (der grundlegend ein Teil eines Song-Duos ist), die einen guten Querschnitt durch die Platte abbilden, die neben Post-HC-Elementen auch Alternative Rock-Anleihen, Pop- und R'nB-Charakteristika widerspiegelt.

Und eben dieser Facettenreichtum macht diese Platte so spannend und nachhaltig. Technisch sauber und versiert zimmern sich die Herren um Ausnahme-Sänger Brent Walsh durch allerlei Gefühlszustände, immer unter dem Tuch einer gewissen Grundmelancholie. Vom ruhigen "Degenerates"-Intro darf man sich nicht täuschen lassen, denn so wird's nicht bleiben. Während "Where The Mind Wants To Go" ordentlich nach vorne drückt, nimmt "Sleepwalker" das Tempo raus und baut die wunderbarsten Melodiebögen, die Textzeilen wie "I'm just a sleepwalker waking up, this little world that I ceated was a crutch" kaum besser transportieren könnten. "Winchester" mit seiner prägnanten Diskofunk-Gitarrenlinie animiert zum Tanzen und baut eine akustische Filterblase, in die man sich zu gerne zurückziehen mag. Das eher ruhige und dennoch R'nB-lastige "Where You Let It Go", Teil zwei des Titelsong-Duos kommt mit großem choralen Melodie-Refrain, reduzierter Instrumentierung und epischen Textzeilen wie "I will love you even if we're just energy out in the universe". Hut ab.

Bestellen kann man die Platte z. B. über diese Anbieter.

Wer die Band live sehen will, muss sich vorerst mit einer Reise durch den Tunnel, via Fähre oder Flugzeug behelfen, denn sie werden Bayside erst einmal nur in UK supporten:

06.12. - Garage, London
07.12. - Academy 3, Manchester
08.12. - Cathouse, Glasgow
09.12. - O2 Institute 3, Birmingham

Google Play Music:

https://play.google.com/music/m/Bjocqvrxerv6cgexuxqsnhfbroe?t=Where_the_Mind_Wants_to_Go__Where_You_Let_It_Go_-_I_the_Mighty

 

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36_Crazyfists_Lanterns

Artist: 36 Crazyfists
Album: Lanterns
Erscheinungstermin: 29. September 2017
Label: Spinefarm Records
Gesamtlänge: 46:32 Min.
Link zur Band: https://www.facebook.com/36crazyfists/

PreOrders: z. B. über Spinefarm Records UK

Tracklist:

01. Death Eater
02. Wars To Walk Away From
03. Better To Burn
04. Damaged Under Sun
05. Sea And Smoke
06. Where Revenge Ends
07. Sleepsick
08. Bandage For Promis
09. Below The Graves
10. Laying Hands
11. Old Gold
12. Dark Corners

36_Crazyfists
Photo: Bobby Bates Photography

Nach dem 2015er 36 Crazyfists-Album "Time And Trauma", das in den USA in den Billboard Heatseeker Charts auf Platz 2 gelandet ist, kehrt das Quartett aus dem frostigen Anchorage, Alaska mit "Lanterns" nun im Spätsommer 2017 zurück.

Im 23. Jahr nun machen Brock Lindow (Gesang) und Steve Holt (Gitarre) zusammen unter dem Namen 36 Crazyfists Musik. Und auch wenn Mick Whitney (Bass) und Kyle Baltus (Schlagzeug) nicht zu den Gründungsmitgliedern gehören und Mick zwischenzeitlich vier Jahre abstinent war, so sagt die Band, sie sei nicht eine selbige, sondern eine Familie. Lindow, der nach familiären Veränderungen mit seiner ganz persönlichen Depression zu kämpfen hatte, schrieb sich während der Arbeit auf einem Lachskutter die Trauer von der Seele und legte damit den Grundstein für das neue Album.

„'Lanterns' stehen für das Licht, nach dem wir alle suchen. Die Songs drehen sich alle um das Ringen, es zu finden, nach vorne zu schauen und hinter uns zu lassen, was uns in unserem Leben innerlich zurückgehalten hat. Jeder hat auf irgendeiner Ebene mit Depression zu kämpfen. Es geht darum, wie man da raus kommt, einen Fuß vor den anderen setzt, aufsteht und in so einer dunklen Zeit weiterlebt."

Los geht's mit "Death Eater", dessen Namen sie aus Harry Potter entliehen haben und 36 Crazyfists drücken direkt auf's Gaspedal. Circle Pit-Alarm. Was sofort auffällt ist die natürliche Abmischung der Platte. Da klackert der Bass, da scheppert das Schlagzeug (im positiven Sinne) und die Bassdrum kickt wie in den frühen 2000ern, da beißt der Gitarrensound. Im Zwischenteil sieht man förmlich die Faust-Meere in der Luft auf der nächsten Show der Nordamerikaner.

"Wars To Walk Away From" bringt dann eine etwas psychedelischere Stimmung mit sich, die schön vom melodiösen Refrain aufgelöst wird. Lindows Stimme hat über die Jahre nichts an Authentizität eingebüßt und seine Balance zwischen Screams, Shouts und Melodien ist ausgewogen und clever wie eh und je.

"Better To Burn" ist strophentechnisch etwas sperriger, wird aber 36CF-typisch im Refrain aufgelöst. "Damaged Under Sun" beginnt perkussiv mit Drums und Bass, der hart angeschlagen mehr Schlagwerk denn Saiteninstrument ist. Verglichen zu den Refrains der vorangegangenen Songs ist jener schwerer greifbar und erschließt sich nicht umgehend. Macht aber nichts, wir haben Zeit.

Das zurückhaltend beginnende "Sea And Smoke" öffnet die Platte für melancholische Momente, die viel Raum für Lindows charakteristische Stimme und leidende Gesangslinien geben. In diesem Modus geht es weiter mit "Where Revenge Ends", bei dem eine schrabbelige Akustikgitarre den Ton angibt. Man stelle sich eine marode Blockhütte im verschneiten Arctic Village vor, eine Fell tragende Person mit Zottelbart vor einem schwach glimmenden Kamin...wäre der Song ein Pinsel, könnte er dieses Bild malen.

Genug getrauert. "Sleepsick" weckt den Hörer mit einem Shuffle-artigen satten Riff aus seiner Verlorenheit. Der massiven Wand aus Doublebass-Attacken wird noch ein ruhiger Zwischenteil gegenübergestellt. "Bandage For Promis" startet mit der tiefen erzählähnlichen Stimme Lindows und nimmt dann langsam Fahrt auf. Und hier erklingt dann auch das erste Gitarrensolo der Platte, das in seiner Zurückhaltung vielleicht auch mehr Melodiepart sein soll, aber gar nicht hätte sein müssen. Dadurch, daß der Bass in diesem Moment alleine den Song tragen muss, wirkt der Gitarrenpart ein wenig verloren und der Song schwächelt subjektiv betrachtet etwas.

"Laying Hands" ist ein klassischer 36CF-Song. Spannungsaufbauende Strophe, treibender Refrain. Und hier findet sich das nächste Solo, dieses Mal etwas ausgereifter, aber auch jenes nimmt dem Song ein wenig das Futter. "Below The Graves" hat beinahe thrashigen Charakter, besonders in der Bridge des Songs. Das Halftime-Strophenriff erinnert hier und da an Killswitch Engages "Rose Of Sharyn" und schiebt den Metalcore-Vibe ins Trommelfell. Und ob 36CF jemals einen dermaßen aggressiven C-Teil geschrieben haben...hossa. Macht lieber die Zimmertür zu, wenn ihr die Nummer anschmeißt.

"Old Gold", das vorletzte Stück der Platte bringt dann wieder den psychedelischen Ansatz zurück, wirkt angriffslustig und hinterlistig. Dessen böööse Bridge leitet über in den erwartet melodiösen Refrain, der schizophren teils mehrstimmig interpretiert wird und zur Mitte des Songs in eine Art Breakdown kippt. "Dark Corners", der Abschluss der Platte, ist eine schwermütige Nummer mit charakteristischer unverzerrter Gitarre. Zum Ausklang unterstützen verhalten (elektronische) Streicher die Stimmung.

Fazit:
36 Crazyfists bieten auf "Lanterns" das volle Spektrum dessen, was sie können und auszeichnet. Der organische Sound der Platte bereichert ganz klar die Authentizität des Werks und versetzt den Hörer in die "guten alten Zeiten". Etwas Neues wird man hier nicht finden. Wen das nicht stört, der ist mit "Lanterns" gut bedient. Solides und bewährtes Songwriting, technisch einwandfrei umgesetzt und eine Stimme wie Lindows findet man in der Form einfach kein zweites Mal. Schwermut, Melancholie und auch Frustration dominieren die Stimmung der Scheibe und ihre Veröffentlichung zur herbstlichen Jahreszeit trägt sicher zur Verinnerlichung der Songs bei.

Anspieltipps: Wars To Walk Away From, Sea And Smoke, Sleepsick

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Citizen As You Please

Artist: Citizen
Album: As You Please
Erscheinungstermin: 06. Oktober 2017
Label: Run For Cover
Gesamtlänge: -
Link zur Band: https://www.facebook.com/Citizentheband/

PreOrders: z. B. über Run For Cover UK

Tracklist:

01. Jet
02. In the Middle Of It All
03. As You Please
04. Medicine
05. Ugly Luck
06. World
07. Fever Days
08. Control
09. Discrete Routine
10. I Forgive No One
11. You Are a Star
12. Flowerchild

Laut Presseinfo beschreibt "As You Please", das neue Album von Citizen, die Ursprünge der Unzufriedenheit, die den US-amerikanischen Rostgürtel - und ganz besonders seine Heimatstadt Toledo, Ohio - schon seit vielen Jahren heimsucht. Da ich wenig Berührungspunkte mit den gesellschaftlichen Zuständen in den USA vorweisen kann, lasse ich das vorliegende Werk ungeachtet dieses Kontexts frei und unabhängig wirken und dokumentiere das Erlebnis - und dieses Album ist eines - in eigenen Worten.

Randnotiz:
Die Band ist im Oktober auf Minitour in Deutschland:

07.10. 2017 Köln | Tsunami Club (ausverkauft)
08.10.2017 Berlin | Cassiopeia

Mit "Jet", der ersten Single des Albums geht es also in die Tiefen der Seele bzw. Erfahrungen von Sänger Mat Kerekes. Ein leicht britischer Indierock-Gitarrenklang, ein hektischer Bass im Wechsel mit verspielten Drums, die Stimme von Sänger Kerekes, die mal lakonisch, mal nachdrücklich eine Geschichte von Unsicherheit, Verzweiflung und Schuld erzählt, gipfelnd in einem phantastischen Refrain...ein großartiger Einstieg.

"If I'm in vain then you, you must be too
Are we on our way back down?
Into delusion we will go to stare at a glimpse of hope
Make me more assured, to clean my wounds"

Der C-Teil erinnert gar durch seinen leichten Shoegaze-Charakter an die letzte Hundredth-Platte. Die Band hat übrigens auch eine Live-Version im Studio 4 aufgenommen und als Video veröffentlicht, das ihr hier findet.

"In The Middle Of It All" überrascht mit einem beinahe Queen-esquen mehrstimmigen Vocal-Intro, dem ein fast trockenes "I saw you were there!" aus dem Off entgegengestellt wird. Und dann folgt dieser flächige Refrain, der auch von Rivers Cuomo hätte geschrieben sein können. Simulierte Abtastfehler des CD-Player-Lasers, die den Hörer hektisch nach der Ursache zu suchen nötigen beenden die Harmonie - verstörend.

Der Titeltrack "As You Please" scheint ungefährlich, unauffällig und lethargisch, bis die Fuzzgitarren und ein hohes Zirpen den Hörer aber eines Besseren belehren. "Medicine" klingt wie der tongewordene Blick auf die leere Dose Prozac auf dem Nachttisch. Notleiden, Fluchtgesuche, Panik - nicht im Sinne einer unkontrollierten Eskalation, sondern eher einer emotionalen Ausweglosigkeit. "Ugly Luck" zieht das Tempo dann ein wenig an und hilft dem Hörer von den Knien hoch zurück in den Stand - um zu tanzen und mit Optimismus gen Horizont zu blicken. Eine Grundbetroffenheit bleibt, aber eine positive Gleichgültigkeit drängt sie immer wieder in ihre Ecke zurück.

Zu Beginn von "World" klingt Kerekes' Stimme, als befände er sich mit dem Hörer in einem spärlich möblierten Raum, zu ihm sprechend in einem privaten Dialog. Dem Kern seiner Aussage verleiht er schroff Ausdruck im fordernden Refrain, in dem eine Flanger-artige Backgroundstimme den zweiten Melodiepart übernimmt.
"Fever Days" konzentriert sich vorerst auf eine akustische Gitarrenlinie und die einfache verzerrte Basslinie, die zusammen mit den Drums den Einstieg in etwas Großes bereitet. Citizen verstehen es wahrhaftig, Spannung aufzubauen, mit Dynamik zu spielen und selten gute Refrains wie aus dem siebten Überraschungsei zu zaubern.

"Control" erinnert ein wenig an The Appleseed Cast, melancholische Abgeschlagenheit, zerbrochene und mühsam zusammengeklebte Hoffnung. "Discrete Routine" ist schleppend, beginnt wie eine abendliche Sommerbrise, die in ein vorherbstliches Unwetter umschlägt. "I Forgive No One" wird mit modulierter Stimme eröffnet, ein knarziger Bass, ein Double-Time Refrain mit Noise-lastigem Chorus. "You Are A Star"startet geheimnisvoll mit perkussivem Intro, das in den klaren Refrain überleitet, der im Laufes Stückes noch wächst und sich mit dramaturgisch starken Klang-Elementen angereichert vor dem Hörer aufrichtet, bis er selbst zum Outro wird.

"Flowerchild", die längste Nummer der Platte, beginnt akustisch und unschuldig. Der letzte Sommertag barfuß im Gras, die Halme zwischen den Zehen, ein Ausbruch an Emotionen, impulsiv und energetisch. Auch Kerekes' Stimme kratzt ungewohnt und überraschend, überschlägt sich beinahe. Eine verhaltenes Klavier steht der Akustikgitarre zur Verabschiedung zur Seite. Bis bald, Citizen. Hoffentlich bis ganz bald.

Fazit:
Mit "As You Please" liefern Citizen DEN Soundtrack für die Post-Sommerdepression. Fragil, emotional und melancholisch weckt dieses Album Erinnerungen an Momente, die vielleicht niemals stattgefunden haben. Es inspiriert und zeichnet Geschichten. Dieses Album transportiert akustisch nicht nur durch eine große Vielzahl an Sounds und Instrumenten ein ganzes Bilderbuch, das der Hörer erstmal (be)greifen lernen muss. Große Harmonien öffnen Türen und erleichtern den Zugang. Die Vielfalt der Songs, die emotionale Varianz, die immer wieder von einer subtilen Tristesse begleitet wird verleihen "As You Please" einen umfangreichen Charakter, der lange begeistern können wird.
Wem das neue Turnover-Album zu fröhlich war, aber nicht auf den Mix aus Emo, Indie und Alternative verzichten mag, der wird mit dem neuen Werk von Citizen sein dunkles Gegenstück finden.

Anspieltipps: Alles

Eigentlich wollte ich ja effizienter beim Schreiben von Reviews werden, aber das neue The Hirsch Effekt-Album "Eskapist" (Long Branch Records) hat es einfach verdient, mit einer besonderen Rezension bedacht zu werden. Das ganze Ding findet ihr bei Time For Metal bzw. nachfolgendem Link:

The Hirsch Effekt – Eskapist